Was könntet ihr nur über mich denken … ein Hallo

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#14533

Unbekanntes Terrain ist es, auf das ich mich begebe. In mir ist ein stetes Brennen seit etwa zwei Monaten wieder entfacht, was mich vor vielen Jahren für viele Jahre vom Leben verbannt hat. Jetzt ist es wieder da aus einer Überlastung und auch da Bekanntes sich unwiderruflich ändert.

Somit Hallo an alle. Selbst lebe ich als Mittvierziger mit Frau, zwei Kindern und zweifelndem Konterpart in ländlicher Idylle oder besser gesagt Einöde. Durch eine jahrelange chronische Krankheit meiner Frau war ich gezwungen als Alleinverdiener alles aufrecht zu erhalten und somit konnte ich mich gar nicht wirklich um meine Angst kümmern. Der Alkohol hat da auch wunderbar geholfen, die Maskerade – Nein, Stopp – die ins Gute geführte, gewollt aufgebaute neue Persönlichkeit nach Jahren der Therapien ein Stück weit in die Normalität zu führen oder eben zu halten.

Zum Glück wurde ich nicht gänzlich süchtig, aber irgendwann reichte das nicht mehr zum Kompensieren und es kam leise mit Vorahnung und dann auf einen Schlag eine Horror-Verlustangst gespickt mit Panikattacken, starkem Misstrauen und massiven Ängsten vor Ablehnung, Kritik und Zurückweisung zum Vorschein – vor allem und jenem wo der Konterpart nur ein Quäntchen Unwahrheit oder Tugendverlust witterte.
OMG – also begab ich mich panisch auf Therapeutenjagd in Pandemiezeiten und es führte mich zu diversen probatorischen Sitzungen oder privat bezahlten Angeboten. Es galt für mich die Angst vor der Angst, vor der Angst wieder in einen jahrzehntelangen Strudel eines Nicht-Seins wegen Vermeiden von allem und jenen zu verfallen, denn das würde ja bedeuten – ich verliere alles, was ich mit größter Anstrengung aufgebaut habe.

Die damalige Therapeutin, welche ich kurz erneut konsultierte war in ihrer Art und damaligen Arbeit für mich derart professionell im eigenen Rückblick, dass sie nicht mit Diagnosen oder ehrlichem Übereifer herum therapierte. Sie formulierte, dass ein Nachreifen erforderlich ist und stütze sich auf die Ressourcenarbeit. Ein Glücksfall, hoffe ich mit Blick nach vorne. Ich konnte also in den neuen probatorischen Sitzungen bei anderen Therapeuten gut und ohne Maskerade aus eigener Reflektion beschreiben, was da wieder kommt, wie es sich anfühlt(e), was ich dabei tue und gerade nicht mehr tue und dann stand auch schon der Verdacht auf ÄVPS schnell auf dem Schein – ohne das ich bis dahin wusste, was das ist.

Diese PS war mir gänzlich neu, als ich mich einlas, dennoch so vertraut. Mit alles was ich nun bis hierhin erfahren habe in eigenem Anlesen treffen mich diese Wahrheiten teils wie angespitzte und mit Gift versehen Pflöcke genau in die verkrampfte Bauchgegend. Im eigenen abgeschnittenen Wahn mit Internetanschluss hatte ich mich vor Jahrzehnten schon durchs das WWW in Eigentherapie versucht und diverse Modelle mir gegengehalten, wie die soziale Phobie, Angsterkrankungen und einiges mehr, was aber alles nie so ganz passen wollte.
Andererseits sind diese neuen Erkenntnisse der ÄVPS nun auch erhellend, da ich nun verstehe, was Ich-synton in meiner eigenen Welt vor vielen Jahren „mich“ vor allem abgehalten hat und nur mit sehr viel Kampf hatte ich es geschafft, einigermaßen an einigen sozialen Dingen teilzunehmen.

Mein Geheimnis war, den anderen in voreingenommener und bewusster Naivität nur Gutes zu unterstellen, damit ich teilhaben konnte, zumindest für 2-3 Stunden. Dann war wieder Erholung nötig. Und so hatte ich vor der Therapie irgendwie es geschafft, diesen Anteil in mir zu trennen, der denkt, was da denn wirklich die Realität ist und warum alle mich ablehnen, damit recht haben, ich nur abends kurz vor Ladenschluss mich im Dunklen rausgetraut habe und sonst mein Tagwerk mit größtem inneren Brennen geschafft hatte.

Tatsächlich hatte ich einige Freundschaften aufgebaut, denn das Leiden begann mit einer Wucht erst später Anfang 20. Einige Vorboten davon waren aber schon einige Jahre vorher bemerkbar. Seither ist es ein ständiges Auf und ab, mit wohl nicht bekannten Komorbiditäten. Das Leben ging dahin und eine Freundschaft ist geblieben und ich ziehe mich immer mehr von allem zurück.

Die gesamte Geschichte wird zu lang. Nur so viel. Ein erhellender Beitrag eines ÄVPSlers in einem Youtube-Video mit der Beschreibung des Ich-Synton-Konzepts hat mir bewusst gemacht, was ich schon erreicht hatte und was nun mit einer Retraumatisierung vor einigen Wochen gerade wie ein Kartenhaus in mir zusammenfällt.

Mit Psychopharmaka und Dämpfern rette ich mich gerade über die pandemische Weihnachtszeit bis ins neue Jahr und hoffe auf die neue Psychotherapie, die bald beginnt.

Hier freue ich mich auf nette Kontakte und Impulse und winke zum Abschluss nochmals freundlich in die Runde.

Der Habicht

In jeder Persönlichkeit steckt ein Lebenswahnsinn.

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  • #14535

    Erstmal vielen Dank fürs Teilen Deiner Geschichte, die ich von oben bis unten gelesen habe und das zweimal. Trotz der Passagen die wiederum mich getroffen haben wie angespitzte und mit Gift versehene Pflöcke. Das Wieder-Erkennen gewisser Wahrheiten die man auch bei sich selbst kennt, ist zwar einerseits schmerzhaft, aber andererseits auch irgendwie tröstlich.

    Auch ich bin jetzt Mitte Vierzig und war bei meiner ersten Therapiesitzung Mitte Zwanzig. In diesen (fast) zwanzig Jahren habe ich mich vielem gestellt und vieles wurde behandelt. Einiges davon sogar erfolgreich.

    Das einzige was ich nie vollständig abschütteln konnte, war die Angst. Bewertungsangst ist, selbst in meinen allerbesten und stabilsten Phasen, immer einen Schritt hinter mir. Auch heute.

    Seit ich von ÄVPS weiss (etwa seit fünf meiner zwanzig Therapiejahren), bin auch ich dabei eine wirklich unbequeme Wahrheit zu akzeptieren: Meine ÄVPS wird nie therapiert oder gar geheilt werden. Man kann sie nicht wegmachen, ohne mich selbst dabei auszulöschen. Sie ist, wie Du auch gelernt und erkannt hast, ich-synton – ein Teil von mir.

    Ich bin aktuell „in recovery“, also in einer Phase, in der es mit meinem Leben gerade mal wieder aufwärts geht. Es wäre falsch zu behaupten, dass meine Symptome heute keine Rolle mehr spielen in meinem Alltag. Weit davon entfernt! Aber ich schwimme seit drei Jahren in einem neuen, besonderen Teich: Ich habe nun eine halbe IV-Rente und gelte offiziell als teilweise arbeitsunfähig. Dass hat es möglich gemacht, dass ich einen geschützten Arbeitsplatz habe. Geändert hat sich daher in erster Linie das Umfeld und nicht etwa ich oder meine ÄVPS. Es ist einfacher in einem kleinen Teich ein grosser Fisch zu sein.

    Schicke Dir gedanklich und ehrliche empfundenes Mitgefühl an die untere Seite des Auf-und-Ab des Lebens mit ÄVPS. Trotz Deiner momentanen Situation erkenne ich Deinen Zeilen etwas, was ich bei fast allen Betroffenen sehe: Du bist reflektiert, klug, wissbegierig, rational in emotionalsten Momenten und hast einen vollkommen klaren Blick auf all Deine Gestörtheiten. Das ist Dein Rettungsanker, so wie es immer wieder meiner war.

    Greif weiter danach!
    LG, Trixi

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

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    • #14550

      Hallo Trixi,

      hab lieben Dank für Deine Antwort. Ich habe diese einige Male lesen müssen, wohl auch weil ein Innerstes in mir immer über das hinweglesen wollte, dass man da nichts wegtherapieren kann ohne das gesamte Ich-Konstrukt aufzulösen.

      Dem mag ich ja in naiver Weise kaum Glauben schenken, weil mein hoffnungsvoller Antrieb mich ja immer weitermachen lässt. Andererseits weiß ich um meinen letzten inneren Absturz mit nach außen gerichteten Missverhalten, der scheinbar so etwas wie das verheißungsvolle Unglück selbst prophezeien wollte, nur damit das einst im Vordergrund stehende Anti-Weltbild-Sein wieder Bestand haben kann.

      Denn genau dieser letzte ausschweifende Satz zeigt mir im Nachlesen, diesen verborgene Konjunktivismus will ich immer noch hinter mir lassen. Und bei vielen anderen ÄVPSlern lese ich momentan diese wild konstruierten Schauermärchen über die Innereien und äußeren gedachten Selbstbildnisse zur Erklärung des eigenen Nicht-Sein-Könnens.

      Der letzte Doodle über Stephen Hawkins hat eine sehr interessante Äußerung in Erinnerung gebracht. „Eine der Grundregeln des Universums ist, dass nichts perfekt ist. Perfektion gibt es nicht einfach … ohne Unvollkommenheit würden weder Sie noch ich existieren.“

      Und da liegt doch die Krux und das Scheitern bei jedem ÄVPSler im jeweils eigenem Kontinuum vor. Wenn die eigene Ich-syntone, perfektionistisch geprägte Grundhaltung als Wahrheitsindex und Basis für das eigene Heraus- und Fortkommen gezogen wird, ist eine Weiterentwicklung in oder zu dem normalen Seins-Zustand nicht möglich.

      Das Nicht-Sein-Können verhindert das Sein-Wollen.

      Dein Umfeld um des geschützten Arbeitsplatzes ist wirklich gut. Ähnlichen Grund bildet bei mir meine Selbstständigkeit mit nach außen gerichtete Rollenmaskerade – oh, Stopp, ich meinte natürlich das zu lebende Erwachsenen-Ich.

      In meinem neuerdings wiederholt gefühlt wunden Seelenzustand, verfalle ich leider wieder öfters in meine damals auch so wohlig ausgelebte nihilistische Persönlichkeitsfalle.

      Gruß
      Der Habicht

      P.S.: Eigentlich wollte ich auf Deine angesprochene Rettungsanker Bezug nehmen. Denn tatsächlich fällt es mir momentan schwer stabil in dem von Realität geprägtem rationalen Seinszustand bleiben zu können. Und mit dem was ich schreibe und weiter oben geschrieben habe, fällt es mir wieder auf, was mich jahrelang so hat zurückhalten und immer wieder hat zurückfallen lassen.

      In jeder Persönlichkeit steckt ein Lebenswahnsinn.

      • Diese Antwort wurde geändert 1 Woche zuvor von Habicht.
  • #14553

    Wir Menschen mit ÄVPS haben also ein unheilbares Kompatibilitäts-Problem und alles was uns bleibt, ist den passenden Teich zu finden?

    Klingt für mich, als Betroffener ziemlich plausibel.

    Bin auch schon ziemlich lange in Therapie und bin im Lauf der Jahre sicher ein bisschen anpassungsfähiger geworden. Trotzdem ist Angst und Vermeidung das nach wie vor laufende Standardprogramm.

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