Therapie-Tagebuch :)

  • Dieses Thema hat 3 Antworten und 2 Teilnehmer, und wurde zuletzt aktualisiert 2 Monate zuvor von Klimi.

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#14774

Hallo liebe Leser:innen

Ich schreibe diesen Beitrag in erster Linie für mich, aber wer neugierig ist, darf gerne mitlesen.

Ich bin Schweizerin in ihren Vierzigern und ich bin schon mein halbes Leben in Therapie. Insgesamt dürfte ich bei über einem Dutzend verschiedener Therapeuten gewesen sein. Einige wenige haben geholfen, viele haben es nicht.

Nach einer dreijährigen Pause in der ich auf psychiatrische Grundversorgung runtergeschraubt war, habe ich beschlossen, es noch einmal mit Therapie zu versuchen. Die Medikation passt, es ist keine Kriese in Sicht und ich bin so stabil wie selten zuvor in den letzten zwanzig Jahren. Daher hoffe ich, dass jetzt der Moment ist, wo man mal Ursachen anstatt Symptome behandeln kann.

Gestern hatte ich, nach einigen langen Wochen auf der Warteliste, ein Erstgespräch bei einem Körperpsychotherapeut. Auf seinem Foto ein Schönling, was mich eher abgestossen als angezogen hat. Aber immerhin ein Schönling mit einem interessanten (psychotherapeutischen) Portfolio: integrativ, körperorientiert, kognitiv-verhaltenstherapeutisch, systemisch, ressourcenorientiert und körperbezogen klingt für mich, wie das, was mir vorschwebt.

Begegnet bin ich einem immer noch attraktiven Mann, der dem Foto aus dem Netz jedoch – zum Glück – bereits etwas entwachsen war.

Beeindruckt hat mich, dass er sich offensichtlich mit Dingen die ich mag und Dingen die gut kann auskennt. Ein Therapeut mit einer professionellen Internetpräsenz, der World of Warcraft gespielt hat und immer noch ein leidenschaftlicher Gamer ist, ist mir bis anhin noch nicht unterkommen.

Ich war gestern betreffend diesen Umstand etwas perplex im Gespräch. Habe ich mir doch jahrelang abgewöhnt, mit Therapeuten Gamer-Slang zu reden und von Abenteuern im Cyberspace zu schwären. Entweder wurde ich nicht verstanden oder verurteilt.

Ist also ein ziemliches Ding, wenn ein Therapeut mal nicht skeptisch die Augenbraue hochzieht beim Stichwort Online Gaming und mir ans Herz legt, mich doch bitte in der echten Welt zu entfalten.

Wie üblich in einem Erstgespräch, ging es gestern ansonsten erstmal um die Standard-Fragen. Auch dieser Teil war vollkommen in Ordnung. Er hat die Fragen gestellt, die ich in einem Erstgespräch erwarte. Hat nachgefragt, wenn es angemessen war und hat auch sehr empathisch mit Fakten auf sensible Themen wie Traumata reagiert. Das hat mir gut getan.

Mitgenommen habe ich aus dem Gespräch auch schon etwas: Die Idee, dass man aus guten Begegnungen mit Menschen Energie gewinnt. Ich bin introvertiert und ziemlich allein auf der Welt. Da ich auf der Suche nach Freundschaften bin, habe ich in den letzten Wochen viele Treffen einfach nur ertragen. Meist liefen die so, dass mir mein Gegenüber eine Stunde lang seine Lebensgeschichte und seine Meinung erzählt hat, während ich selber nur genickt und zugestimmt habe.

Die Idee, dass ich nicht so verzweifelt sein sollte, dass ich mich mit Menschen abgebe, die mich Energie kosten, ist also neu für mich. Das will ich mir merken.

Habe drei weitere Termine vereinbart und mir vorgenommen, künftig nach jedem Termin hier kurz meine Gedanken zu teilen.

Ich erwarte keine Antworten, freue mich aber auch über Feedback.

Kopf über Wasser.

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  • #14775

    Hallo

    Danke fürs Teilen! Ich habe dein Tagebuch mit grossem Interesse gelesen. Ich bin immer neugierig, was andere so für Erfahrungen machen und welche davon ich teile.

    Und cool, hast Du die „Anonym posten“-Option genutzt. Genau so wäre sie gedacht und ich staune, dass sie nicht öfter genutzt wird.

    LG, Takeshi

  • #14795

    Und hier kommt der nächste Teil.

    Gestern hatte ich meine zweite Sitzung.

    Seit dem Erstgespräch hat sich bei mir schon einiges bewegt. Bei mir ist vor allem hängen geblieben, dass man im guten Kontakt mit Mitmenschen Energie gewinnen sollte.

    Ich habe angefangen darauf zu achten und habe trotz akuter Einsamkeit und einem grossen Wunsch nach sozialen Kontakten einige Menschen aus meinem Leben entfernt. Ich habe mich also nicht mehr mit Leuten getroffen, bei denen ich mich nach einer Stunde Kaffee trinken und reden total ausgelaugt gefühlt habe.

    Die Menschen, die die Zeit mit mir eigentlich nur genutzt haben, um mir ihre Lebensgeschichten und ihre Sorgen zu erzählen, fehlen mir nicht wirklich.

    Im Gegenzug habe ich den Kontakt zu Menschen gesucht, die mir Energie geben. Das sind leider nicht so viele. Aber es hat sich für mich gelohnt, mich auf diese Bekanntschaften zu konzentrieren. Tatsächlich habe ich so jemanden gefunden, der mir ganz speziell am Herzen liegt, weil er mich immer wieder zum Lachen bringt. Und tatsächlich entwickelt sich zwischen mir und diesem Mann gerade so etwas wie eine Liebesbeziehung.

    Es ist zwar nicht einfach, weil meine Beziehungsangst natürlich nach wie vor ein Thema ist. Aber ich lass es laufen und es läuft gut.

    Zurück zu meinem neuen Therapeuten! Als ich in der Praxis ankam lief im Hintergrund der World of Warcraft Soundtrack. Das fand ich eine mega schöne Geste. Nicht nur, dass er sich daran erinnert hat – nein, er hat sich offenbar sogar auf die Sitzung vorbereitet und hat versucht dafür zu Sorgen, dass ich mich wohl fühle. Das hat mich extrem berührt.

    Auch sonst war die Sitzung gut. Ich mag seine Sichtweise auf die Dinge und ich mag, wie er mir Dinge mit Metaphern erklären kann, die ich verstehe und die mir eine neue Perspektive eröffnen.

    Die Mischung zwischen mir zuhören und selber reden auch gepasst. Ich fühle mich willkommen und wahrgenommen und das ist für mich ein ganz schönes Ding. Die Sitzung gestern war dann für mich auch viel zu früh vorbei. Die nächste findet in zwei Wochen statt. Ich freue mich, habe aber auch Angst.

    Es ist schon und unheimlich zu gleich, wenn man gesehen, angenommen und ernstgenommen wird.

    Im Moment habe ich ein gutes Gefühl. Ich glaube, mit diesem Therapeuten kann ich arbeiten und vielleicht sogar endlich mal einige meiner Traumata verarbeiten.

    Falls Du das bis hierher gelesen hast: Kleiner Tipp von mir: Achte auf Dein Bauchgefühl, wenn Du zu einem Therapeuten gehst. Ich weiss, es ist schwer einen guten zu finden, aber das warten lohnt sich. Ich habe zu viel Zeit verschwendet in Sitzungen mit Therapeuten, die regelmässig nicht mehr wussten, was wir in der Woche zuvor besprochen hatten. Oder Therapeuten, die mir zwar zugehört haben, aber mir nichts mitgeben konnten.

    Kopf über Wasser.

    2 Benutzer dankten dem Autor für diesen Beitrag.
  • #14806

    Schön wenn’s so gut läuft.

    Ich spiele immer noch Katz und Maus mit meiner Thera. Bringt irgendwie nix, aber habe grad keinen Bock, mir was neues zu suchen.

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