Psychische Gewalt, Verbale Misshandlung: Beispiel

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#13370

Hallo allerseits

Ich habe in meiner Ehe viel psychische Gewalt und Misshandlung erfahren. Obwohl ich mich von meinem gewalttätigen Ehemann getrennt habe, als meine Kinder noch im Vorschulalter waren, stelle ich bis heute fest, dass diese Zeit auch an meinen (heute erwachsenen) Kindern nicht spurlos vorbeigegangen ist.

Daher ist es mir ein wichtiges Anliegen, über psychische, emotionale und verbale Gewalt aufzuklären und darüber zu reden.

Immer wieder stelle ich fest, wie wenig greifbar diese Art der Gewalt ist. Die meisten Menschen haben Mühe, sich darunter etwas konkretes vorzustellen. Darum möchte ich mit Euch eine Erfahrung aus meiner Zeit mit meinem gewalttätigen Ex-Ehemann teilen.

Um die Gewalt zu verstehen, ist es wichtig im Hinterkopf zu behalten, dass das Ereignis welches ich Euch schildern möchte, zu einem Zeitpunkt stattgefunden hat, als mein Herz noch voller Liebe war für meinen Mann. Es war eine Zeit, in der meine Familie, all meine Freunde und sogar ich selbst noch der Meinung waren, dass ich den perfekten Partner habe.

Kurt war charmant, zuvorkommend und gutaussehend. Er war beruflich erfolgreich und oberflächlich betrachtet exakt dieser tolle Kerl, den sich jede Frau an seiner Seite wünscht. Ich war sehr verliebt und sehr dankbar dafür, so einen fantastischen Mann gefunden zu haben.

Aus dieser Zeit stammt die folgende Erinnerung an eine Begebenheit, die sich ereignet hat, einige Wochen nachdem ich mit meinem „Traummann“ zusammengezogen war. Damals konnte ich noch nicht ahnen, dass dies keineswegs eine Ausnahme war, sondern recht bald regelmässig auftrat:

***

An einem Samstagmorgen dachte ich mir, es wäre doch ein wunderbarer Tag, um am Nachmittag an den nahegelegenen See zu fahren. Als gegen Mittag B aufstand, fragte ich ihn: «Sag mal, hast du für heute irgendwelche Pläne?»

Er wandte sich mir verärgert zu und knurrte: «Muss ich denn Pläne haben?»

Sein akuter Stimmungswechsel erwischte mich kalt, weil ich einmal mehr überhaupt nicht damit gerechnet hatte und überhaupt nicht vorbereitet war.

«Äh, nein», stammelte ich, mit bis zum Hals klopfenden Herzen. «Ich dachte nur, es wäre schön heute Nachmittag etwas zu unternehmen.»

«Ich sehe nicht, warum ich irgendwelche Pläne haben sollte», sagte er noch verärgerter.

«Wieso bist du denn so böse? Ich habe doch gar nicht gesagt, dass du irgendwas musst», erwiderte ich mit einer Mischung aus Fassungslosigkeit und aufsteigender Verzweiflung.

«Ich bin nicht böse! Hör endlich auf!» fuhr er mich wütend an und fuhr fort: «Du hast Pläne gesagt und jetzt kommst Du mit so blöden Ausreden.»

Ich war verwirrt, frustriert und verletzt. Ich empfand tiefe Verzweiflung darüber, dass ich mich gerade so schlecht fühlte und gleichzeitig nicht in der Lage sein würde, mit meinem Partner (mein bester Freund, oder?) darüber zu reden. Aus Erfahrung wusste ich, dass das nur zu mehr Verzweiflung führen würde.

Ich war an diesem Samstag noch lange am Grübeln, womit nur ich B so verärgert hatte. Hatte ich ihm den Eindruck vermittelt, dass ich irgendetwas erwartete? Hatte er sich vielleicht unter Druck gesetzt gefühlt?

Ich wünschte mir, nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal, dass ich das Gespräch aufgezeichnet hätte. Es war ja wie immer, wenn so etwas vorkam, kein Dritter zugegen, der mir aus meiner Verwirrung hätte helfen können.

***

Ich habe lange Zeit und viele therapeutische Sitzungen gebraucht, um zu verstehen, dass dieses und ähnliche Erlebnisse, ganz klassisch sind in, von psychischer, verbaler und emotionaler Gewalt geprägten Beziehungen.

Es ist nur ein Beispiel, aber ich hoffe, es kann trotzdem helfen, eine bessere Vorstellung davon zu haben, wie diese schwer fassbare Form der Gewalt aussehen kann.

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  • #13372

    Genau deswegen bin ich „ängstlich-vermeidend“.

    Mit Menschen die mir nicht nah sind, komme ich gut klar. Ich bin nicht schüchtern, kann Schäkern, Flachsen, Kontakte knüpfen, Small Talk. Ich glaube sogar, dass viele Menschen mich durchaus sympathisch finden.

    Ich fühle mich wohl mit oberflächlichen Kontakten und Menschen die mir nichts bedeuten. Sogar mit Kritik oder Ablehnung aus diesem Lager komme ich gut klar. So ist mir zum Beispiel ziemlich egal, was meine Nachbarn oder die Leute auf der Strasse über mich denken.

    Meine Schwierigkeiten mit mir und meinen Mitmenschen fangen dort an, wo diese Menschen irgendeine Bedeutung bekommen in meinem Leben. So ist mir beispielsweise alles andere als egal, was meine Chefin über mich denkt.

    Je besser mich Menschen kennen (oder eher: „zu kennen meinen!“), desto grösser wird meine Angst. Denn Menschen verlieren viel zu oft jegliche Zurückhaltung und jeglichen Respekt, wenn sie Dir nahe stehen. Gegenüber Fremden können sie zum Beispiel ihre Wut durchaus runterschlucken und höflich bleiben. Aber bei jemandem zu dem eine Bindung besteht, lassen sie schon mal die Sau raus.

    Für mich kommt Nähe und Bindung einem Freipass gleich, mir psychische, verbale, emotionale Gewalt anzutun. Und ich will nicht mehr verletzt werden. Also vermeide ich Nähe und Bindung wo immer es eben möglich ist. Keine Freipässe mehr.

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  • #14737

    Hallo Helena,
    hab mich jetzt erst angemeldet und deinen Beitrag gelesen. Es war so, dass ich dachte das kommt von mir. Ich habe genau dieselben Probleme mit Menschen, die mir näher kommen. Darum habe ich wahrscheinlich auch keine Freunde. Ich mache jetzt die 2. Therapie und fühle mich bei der Frage nach Freunden irgendwie immer schuldig, weil ich das immer verneine. Man bekommt ja auch ständig eingeredet, das der Mensch ein soziales Wesen ist und Freunde im Leben unabkömmlich. Wenn mir jemand zu nahe kommt, brech ich den Kontakt meistens ab. Ich mag keine Leute in meiner Wohnung, weil das einfach zu privat ist und bei mir zu Anspannung und Magenproblemen führt. Auch die jetzige Therapie scheint nicht viel zu bringen. Wie meistert ihr das?

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