Masken, Schauspielerei, Innere und äussere Welt, Emotionale Überregulation

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#9933

Hallo meine Lieben

Einige von Euch haben das „Überspielen“ des inneren Gemütszustands auch schon angesprochen. Mir ist meine „Schauspielkunst“ einmal mehr zum Verhängnis geworden. Wahrscheinlich ist Schauspiel das falsche Wort, weil es für mich nichts spielerisches hat. Es ist ein automatisiertes Programm, das reflexartig abgespielt wird und dazu führt, dass ich lächele und mich zuversichtlich gebe, selbst dann wenn ich innerlich fertig und ziemlich am Ende bin. Es ist das Programm, welches dazu führt, dass ich oft so falsch wahrgenommen werde. Diese Lücke zwischen innerer und äusserer Realität und dem Selbst- und dem Fremdbild.

Offenbar bin ich mit meiner „Scharade“ in der äusseren Welt so erfolgreich, dass sogar Therapeuten schlicht nicht hinter die Maske sehen können. Bei meinem letzten Therapeut war ich die letzten drei Jahre ambulant in Behandlung. Nachdem ÄvPS durch eine Gutachterin diagnostiziert wurde, habe ich damals von meiner Psychologin zu einem Psychiater gewechselt. In meiner E-Mail habe ich mich konkret auf meine ÄvPS-Diagnose bezogen und gewünscht, dass dies das Thema ist, an welchem ich arbeiten möchte.

Obwohl ich anfangs eine wöchentliche Sitzung hatte, wurden Themen die im Zusammenhang mit ÄvPS stehen, höchstens gestreift. Das hat mich schon ein bisschen verwundert, aber ich hab’s Laufen lassen. Mir ist ja bekannt, dass die erste Phase jeder Gesprächstherapie die „Beziehungs-Aufbauarbeit“ ist. Therapeut und Patient müssen sich kennenlernen und gerade bei Menschen die sehr sensibel auf Kritik reagieren, muss zuerst eine tragfähige Beziehung aufgebaut werden, bevor ein Therapeut heikle Themen anspricht. Ich habe also über Corona, Gott und die Welt, die Kinder des Therapeuten, die Freude am Musizieren, französische Literatur und natürlich das Wetter geplaudert und immer drauf gewartet, dass da mal was kommt.

Es kam nichts.

Ich hätte natürlich einfach nachfragen können. Hab ich dann im zweiten Jahr auch probiert. Diplomatisch, taktvoll, durch die Blume… wie ich eben so bin. Er hat sein Nicht-Therapieren damit begründet, dass ja ein Gespräch oft auch schon heilsam sei. Ich erinnere mich, wie in dieser Sitzung meine „innere Realität-Antwort“ bis in den Hals hochgestiegen ist, nur rausgeploppt ist sie mal wieder nicht: Ich hätte ihm gerne gesagt, dass das stimmt, dass dies aber auch die Telefonseelsorge leisten könne. Er jedoch sei ausgebildeter Psychiater und von ihm erwarte ich schon ein bisschen mehr.

Innerlich habe ich mehr erwartet, äusserlich habe ich zugestimmt und genickt. Ähnlich lief es, als ich merkte, dass sich eine Depression ankündigt und ich nach Medis gefragt habe. Anstatt mit einem Rezept habe ich die Praxis verlassen, mit der Erkenntnis, dass ja viele Menschen gerade wegen der Pandemie ein bisschen depressiv sind und das alles ja vollkommen normal ist. Dass es eben bei mir grad nicht mehr vollkommen normal ist, dass wusste ich zwar, aber um das zu verdeutlichen hätte ich voll mit der Faust auf den Tisch hauen müssen oder so.

Es gibt unzählige weitere Beispiele.

Letzte Woche habe ich meine Schlussvorstellung gegeben: Mir geht es super, ich bin seit drei Jahren absolut stabil, habe keine wirklich ernstzunehmenden Probleme, meine Zukunft sieht rosig aus, mit meinen Ängsten komme ich klar und wer braucht schon soziale Kontakte? Ich habe die Therapie beendet. Und zwar nicht, weil ich der Meinung bin, dass ich sie nicht mehr brauche, sondern weil mein Psychiater der Meinung ist, dass ich sie nicht mehr brauche.

Seither bin ich ziemlich down. Ist grad alles recht aussichtslos. Ein Elend!

Weiss auch nicht so recht, ob ich mir jetzt wieder einen anderen Therapeuten suchen will. Der nächste Schritt, wäre wohl, mit meinem Hausarzt zu reden (der mich übrigens tatsächlich ein bisschen besser durchschaut als mein Psychiater). Aber ich frage mich wozu? Es ist eine ausweglose Situation, wenn ich meine innere Welt nicht zeigen kann und der, der mich behandeln soll, die Masken nicht durchschaut.

Irgendwo in dieser Thematik liegen Schlüssel begraben… oder habe nur ich dieses Gefühl?

LG, trixi

Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

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  • #10320

    Hallo Trixie,

    wenn ich dich richtig verstanden habe, kannst du in Therapiesituationen nicht sagen, wie dir wirklich zu Mute ist? Du würdest dir wünschen, dass die Person, dir dir gegenüber sitzt, in der Lage ist, zu merken, was in dir los ist?

    (Das muss ich wirklich mal so nachfragen, denn von mir kenne ich zwar diese ganze Maskerade, aber in der Therapie habe ich dazu geneigt, die Masken weit von mir zu werfen, weil ich dringend Hilfe brauchte.)

    (Hattest du mal versucht, zu Hause all den schmerzlichen Mist und Wünsche an den Therapeuten niederzuschreiben und es mit in die Therapie zu nehmen? so zum „Unterlaufen“ der Maskerade?)

  • #10321

    Eigentlich bin ich sehr offen und gerade in der Therapie habe ich auch immer versucht, ehrlich Auskunft zu geben. Schliesslich gehe auch ich da hin, weil ich gern möchte, dass es mir besser geht.

    Der Punkt ist, der Therapeut muss auch FRAGEN bzw. darauf eingehen. Ich hatte oft das Gefühl, er hört mich einfach nicht.

    Beispiel:

    Er: „Na Frau M., wie ist es ihnen im letzten Monat so ergangen?“
    Ich: „Ging mir nicht gut. Ich fühle mich niedergeschlagen und energielos.“
    Er: „Ja das schlechte Wetter schlägt vielen aufs Gemüt.“
    Ich: „Mhm. Ja, die Jahreszeit spielt sicher auch eine Rolle.“

    Thema erledigt.

    Irgendwie habe ich ständig nur zu hören bekommen, dass sei doch normal. Wer weiss? Vielleicht war das sein therapeutisches Ziel, mir zu verklickern, dass ich vollkommen normal bin. Daran ist ja an und für sich nichts verkehrt. Der Punkt den er einfach nie hören wollte ist, dass es sich für mich aber eben NICHT normal anfühlt.

    Schreiben hätte ganz sicher geholfen. Ich habe sogar überlegt ob ich es einfach mal wagen sollte oder ihn fragen ob das ginge. Hätte er mir das angeboten, hätte ich es sofort getan. Aber so…

    Er hat mir auch vorgestern, während der letzten Sitzung noch eine Rückmeldung gegeben, wie er mich so erlebt hat. Was soll ich sagen? Die Frau die er da beschrieben hat, darf er mir gerne mal vorstellen… so wär ich auch gern!

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

    1 Benutzer dankte dem Autor für diesen Beitrag.
  • #10322

    ach schätzchen… vielleicht war er auch einfach nur ein scheisse schlechter therapeut. du weisst ja, wie ich darüber denke. so wie du mir letztes mal geholfen hast, beide seiten zu sehen, so hoffe ich, dass ich nun das gleiche für dich tun kann: dein therapeut war offensichtlich nicht in der lage oder nicht motiviert dir zu helfen. scheiss drauf! ich kenn dich gut genug mittlerweile um mir ganz sicher zu sein, dass es nicht dein fehler war. ruf deinen hausarzt an und mach einen termin aus! es gibt gute therapeuten (deine worte!)

     

    Ich habe eine selbstunsichere PS mit emotional instabilen Mustern. Sprich, mein Leben ist einsam und chaotisch.

  • #10323

    @rlabouche Touchée 😊  Mach ich. Aber bis Montag pflege ich auf dem Sofa noch ein bisschen meine Niedergeschlagenheit.

     

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #10324

    Hallo, Trixie,

    Ich habe auch so eine Maske und habe sie perfektioniert. Wie Merle habe ich bei Therapeuten komischerweise weniger Schwierigkeiten, darüber zu sprechen, weil es mir am Beginn der Therapie so dreckig ging, dass ich dringend Hilfe brauchte. Die Therapeutin in der Klinik hatte meinen wunden Punkt schon in der zweiten Sitzung gefunden. Ab da war keine Chance mehr, ihr etwas vorzumachen. So ähnlich war es bei meinem ambulanten Therapeuten auch. ich kenne es aber auch, dass ich zu allem Ja sage, obwohl ich es gar nicht will. Hinterher ärgere ich mich über mich, weil ich nicht den Mut hatte, meine Meinung zu sagen.

    Ich habe heute gerade mit meinem Therapeuten über diese Maske gesprochen. Er hat mir jetzt erst einmal die Aufgabe gegeben, über meine Gedanken nachzudenken und aufzuschreiben, weswegen ich die Maske jetzt gerade nutze. Dann wollen wir diese Gedanken auf ihren Wahrheitswert überprüfen. Mal sehen, ob das klappt.

    Deinen Hausarzt darauf anzusprechen, finde ich eine gute Idee. Wenn es dir nicht  gut geht, würde ich mir einen anderen Therapeuten suchen. Du schreibst deine Gedanken absolut nachvollziehbar auf und man hat das Gefühl, dass du, wenn du erst einmal angefangen hast zu schreiben, dich total darauf einlassen kannst. Also wäre es bestimmt eine gute Idee, deine Gedanken aufzuschreiben und mit zum Therapeuten zu nehmen. Ich drücke dir die Daumen, dass du jemanden findest, der dich „durchschaut“ und dir hilft.

     

  • #10325

    Update: War gerade bei meinem Hausarzt und bin froh, den Schritt gemacht zu haben. Er hat mich tatsächlich besser verstanden, als mein Psychiater und macht jetzt eine Überweisung für eine ambulante Psycho-Therapie in der Klinik, in der das letzte Gutachten erstellt wurde. Offenbar besteht sogar die Möglichkeit, dass ich der Psychiaterin zugeteilt werden kann, die das Gutachten gemacht hat. Das würde mich freuen, weil ich nach über zehn Jahren Therapie bei ihr das erste Mal das Gefühl hatte, dass sie —> versteht <—.

    Leider muss ich mit einer Wartefrist von etwa zwei Monaten rechnen. Daher hat mir der Hausarzt bereits heute ein Antidepressivum mitgegeben um der aktuellen Episode entgegenzuwirken. Das Medikament heisst Brintellix und ich kenne es noch nicht. Gerade habe ich die erste Dosis von 10mg genommen und jetzt warte ich auf die Nebenwirkungen. Ich werde meine Erfahrung mit dem Medi in einem eigenen Beitrag etwas protokollieren, da ich weiss, dass viele Menschen solche Berichte nützlich finden.

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #10328

    @trixi

    Hallo, Trixie,das hört sich doch erst einmal gut an. Wenn du jetzt, wie du schreibst, drei Ja hre gewartet hast und dein Thema eigentlich nicht behandelt wurde, dann sind zwei Monate doch ein Klacks. Ich drücke dir die Daumen, dass das neue Medikament gut wirkt und kaum Nebenwirkungen hat. Ich kannte es auch nicht, habe es gegoogelt und festgestellt, dass es keine Auswirkungen auf Gewicht und Blutdruck /EKG hat. In Deutschland hat die Firma es wieder vom Markt genommen, weil sie sich nicht auf einen Preis einigen konnten!!! Dabei klingt es ganz gut und eine Behandlungsmöglichkeit mehr wäre auch nicht schlecht. Aber du hast Glück und lebst in der Schweiz.

  • #10339

    Hallo Trixie,das mit der Maske kenne ich nur zu gut.Ich verstecke dahinter ja nicht nur meine Störung,sondern auch meine Depression.Selbst vor kurzem in der psychosomatischen Klinik hat sich meine behandelnde Ärztin gewundert,dass sie sich mit mir wie mit einem völlig gesunden Menschen ganz normal unterhalten kann.Leider sind kurz darauf Ereignisse eingetreten,die mich dort aus der Bahn geworfen haben,und da wusste sie,dass ich wirklich schwer psychisch krank bin.Bei meinem Psychiater zuhause habe ich danach mit der Sprechstundenhilfe gesprochen.Seltsamerweise durchschaut sie sofort,wie es mir wirklich geht.Mein Psychiater kennt mich nun auch schon über 14 Jahre,auch er weiß,wie es mir geht.Natürlich unterhalten wir uns auch mal über Corona oder andere Themen,aber er käme nicht auf die Idee,meine Depression zu unterschätzen.Die Erfahrung,dass manche Therapeuten nicht mit einem können oder einen Patienten falsch einschätzen,habe ich allerdings auch schon gemacht.Da hilft wohl wirklich nur ein Wechsel.Gute Besserung.

  • #10341

    Wow, das mit der automatisierten Maske kann ich so gut nachfühlen,  denn mir geht’s da ganz genau so!  Auch ich hab dadurch immerwieder das Problem gehabt nicht wirklich gesehen zu werden oder in Gruppen unterzugehen. Mittlerweile ist mir das auch viel bewusster, sodass ich weiß das ich es unbedingt ansprechen muss. Wenn dein Psychiater aber  3 Jahre lang nur an dir vorbei geredet und an der Oberfläche gekratzt hat, kann er echt nicht gut sein. Ich wünsche dir aber viel Erfolg in einem neuen Anlauf und viel Kraft um deine Schwäche zulassen zu können. Gib nicht auf!

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