ICD-11: Diagnose Ängstlich-vermeidende PS wird es nicht mehr geben

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#9917

Hallo zusammen

Mein Therapeut hat mich diese Woche darauf hingewiesen, dass es die Diagnose „Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung“ im ICD-11 nicht  mehr geben wird. Ich war erstmal einen Tag lang vollkommen geschockt. Dann habe ich versucht mich schlau zu machen.

Die deutsche Fassung des ICD-11 existiert noch nicht. Daher habe ich die Infos mit meinen beschränkten Englischkenntnissen und einem Online-Wörterbuch übersetzt. Es ist daher wahrscheinlich, dass ich nicht überall die beste, mögliche Übersetzung gewählt habe. Ich bin sehr dankbar für Verbesserungsvorschläge!

Hier der wesentliche Teil des detaillierten Beitrags den ich weiter oben verlinkt habe:


ÄvPS wird Persönlichkeitsstörung mit Negativer Affektivität, Ablösung, niedriger Dissozialität

Mit Einführung des ICD-11 wird es keine Diagnose „Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung“ mehr geben. Nach dem neuen Diagnosesystem wird als erstes der Schweregrad der Persönlichkeitsstörung ermittelt. Dieser kann entweder Mild, Moderat oder Schwer sein.

Die Merkmalsdömanen die der heutigen Definition von ÄvPS entsprechen, sind wie folgt definiert:

Negative Affektivität: Angst, Verletzlichkeit, Angst, Scham und geringes Selbstwertgefühl / Selbstvertrauen, einschliesslich der Vermeidung von Situationen und Aktivitäten, die als zu schwierig eingestuft werden.

Ablösung: Vermeidung sozialer Interaktionen und Intimität, sie suchen eine Beschäftigung, die keine Interaktionen mit anderen beinhaltet, und lehnen sogar Beförderungen ab, wenn dies zu mehr Interaktion mit anderen führen würde.

Niedrige DissozialitätUmgekehrte (!) Ichbezogenheit: Aufmerksamkeit suchende Verhaltensweisen, um sicherzustellen, dass sie im Mittelpunkt des Fokus anderer stehen; zu glauben, dass man viele bewundernswerte Eigenschaften hat, dass seine Leistungen herausragend sind, dass man Grösse erreichen wird und dass andere eine bewundern sollten.


Bitte tut Eure Meinung kund! Was haltet ihr davon?

Freue mich auf Eure Gedanken dazu!
Eure trixi

Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

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  • #10153

    Allgemein ok, aber das mit der niedrigen Dissozialität und der umgekehrten Ichbezogenheit…… Damit kann es ch wenig anfangen.

    Für mich ist deren Erklärung in meinem Verständnis ein Widerspruch zum niedrigen Selbstwert.

    Ja, teilweise hab ich das verlangen nach Aufmerksamkeit und Anerkennung, aber nicht weil ich der Ansicht bin, dass ich herausragend bin, sondern damit ich ab und zu das Gefühl habe doch irgendetwas wert zu sein.

  • #10155

    Allgemein ok, aber das mit der niedrigen Dissozialität und der umgekehrten Ichbezogenheit

    Ja, das ist ein kniffliger Punkt. Vielleicht wird das besser verständlich, wenn man sich diese „Merkmalsdomänen“ als Bandbreite vorstellt. Da hätte man dann an einem Ende Narzisstische Persönlichkeiten mit einer sehr hohen Dissozialität und ängstlich-vermeidende mit einer ganz niedrigen Dissozialität.

    Die positive Formulierung wie ich sie aus dem ICD-11 übernommen habe, müsste man also ins genaue Gegenteil drehen:

    Ich wage den Versuch:

    Ichbezogenheit: Aufmerksamkeit suchende Verhaltensweisen, um sicherzustellen, dass sie im Mittelpunkt des Fokus anderer stehen; zu glauben, dass man viele bewundernswerte Eigenschaften hat, dass seine Leistungen herausragend sind, dass man Grösse erreichen wird und dass andere eine bewundern sollten.

    Fremdbezogenheit: Keine Aufmerksamkeit suchende Verhaltensweise, um sicherzustellen, dass sie NICHT im Mittelpunt des Fokus anderer stehen. Glauben, dass man wenige bis keine bewunderswerten Eigenschaften hat, dass die eigenen Leistungen unterdurchschnittlich sind, dass man nichts erreichen wird und andere einem verachten.

    Dies bestätige für mich persönlich eine Vermutung, die ich auch schon hatte: Mit ÄvPS ist man quasi das Gegenteil eines Narzissten. So sehr wie die von ihrer eigenen Grossartigkeit überzeugt sind, bin ich von meiner eigenen Unwichtigkeit überzeugt.

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #10157

    Ah, deshalb „Umgekehrt“?

    Die eigentliche Beschreibung ist die Dissozialität – aber bei ÄVPS, verhält es sich genau gegenteilig/ verdreht -> also umgekehrt als die Definition

    Etwas verwirrend beschrieben in deren Bericht

     

  • #10158

    Inhaltlich habe ich kein Problem mit der neuen Beschreibung.

    Was mich stört, sind die deutschen Begriffe. Und damit meine ich keinesfalls Deine Übersetzung, die ist super. Mein Vater ist Amerikaner und meine Mutter Deutsche. Ich bin also zweisprachig und hätte es kaum besser machen können. Mir geht es um die Sprache an sich. Obwohl korrekt übersetzt, schaffen es die Deutschen Wörter einfach irgendwie nicht, den Punkt zu treffen.

    Beispiel „Detachment“ ruft bei mir sofort das Bild von etwas (jemandem!) aus, der abgenabelt ist. Losgelöst vom anderen. Die deutschen Wörter „Ablösung“ / „Loslösung“ verbinde ich intuitiv mit was ganz anderem: Bei Ablösung denke ich an die nächste Schicht (die mein ablöst). Bei Loslösung denke ich an die Gummizüge an meinem Gepäckträger am Fahrrad, die sich mal wieder losgelöst haben.

    Vielleicht geht das nur mir so, aber die englischen Begriffe sind einfach intuitiver zu erfassen.

    Das nächste Problem das ich sehe, ist eines was wahrscheinlich auch Dich in Sorge versetzt: Wenn es die „Ängstlich-vermeidende“ nicht mehr gibt, wie nennen wir dann unsere Störung? Wie kann man Menschen finden, die von der gleichen Symptomatik betroffen sind wie man selber, wenn man keinen Namen mehr hat dafür?

    Das war im deutschen Raum sogar schon mit ÄvPS ein riesiges Problem. Ich kenne Menschen die seit vielen Jahren psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen und ihre Diagnose nicht kennen. Ich betone das, weil ich auch englische Foren für Betroffene nutze und vor einigen Jahren auch in den USA in einer Klinik eine Therapie gemacht habe. ÄvPS-Betroffene nennen sich Avoidants und man kennt sich unter dieser Bezeichnung. Dort habe ich es viel häufiger erlebt, dass auch Menschen die sonst nichts damit zu tun haben, genau wissen was ein „Avoidant“ ist. Es ist schon fast wie ADHS, Autismus oder Borderline hier: Nicht alle Menschen wissen ganz genau was das im Detail für Erkrankungen sind, aber die allermeisten haben zumindest eine wage Vorstellung davon.

    Während „Vermeidende“ (Avoidants) ja heutzutage auch auf Deutsch noch eine Variante wär, wie wollen wir uns mit ICD-11 nennen?

    Die Abgelösten?!

    Mann mittleren Alters mit ÄVPS, Beziehungsangst und einem Alkohol-Problem. Aber ansonsten eine wirklich gute Partie.

  • #10193

    Mir entzieht sich, warum sich die Begrifflichkeit ändern muss. Und dann auch noch zu so etwas kompliziertem? Bei „Ängstlich-vermeidend“ oder „selbstunsicher“ konnte man ja zumindest ohne groß Ahnung zu haben, erahnen, worum es ungefähr geht. Aber „Persönlichkeitsstörung mit negativer Affektivität, Ablösung, niedriger Dissozialität“… Ist die ÄVPS die einzige Persönlichkeitsstörung, die umbenannt wird?

    Und ich merke grade, das mich das unglaublich nervt.

    Aber, Gideon, bei deinen letzten zwei Sätzen musste ich doch sehr kichern. Und ja, ich empfinde das so wie du – die Begrifflichkeiten im Englischen sind intuitiver. Die deutschen Begriffe sind irgendwie so holperig.

  • #10204
    Veröffentlicht von: @gideon

    Die Abgelösten?!

    😀 😆 🤣  ja warum eigentlich nicht? Mir ist ziemlich wurscht auf welche Bezeichnung man sich einigt, Hauptsache man einigt sich. ich wär schon dankbar, wenn ich mal einen Namen hätte, den nicht nur ich verwende.

  • #10214

    Oh je… schon wieder ein anderer Name. Mich stört an dem neuen ICD sehr, dass ich das Gefühl bekomme, ich werden dann mit Narzissten, Histrionikern und allen anderen EGO-Spinnern erstmal in einen Topf geworfen.

     

  • #10218

    Das ist es auch, was mich am meisten stört, dass es zunächst nur um die Stärke der Störung geht und erst in einem zweiten Schritt um die Art der Störung. Dafür sind meiner Meinung nach die Unterschiede zwischen den einzelnen Stilen/ Störungen viel zu groß.

     

  • #10219

    Mir geht dabei ähnliches durch den Kopf, wie schon angemerkt wurde. Mir macht das genau gleiche Sorgen wie Hörnchen. Ich befürchte sogar noch schlimmeres: Die Ärzte, Psychiater und Psychologen die ICH kenne, würden den zweiten Schritt der Diagnose (die Art der Persönlichkeitsstörung) nicht tun. Wenn es doch reicht, einfach eine Persönlichkeitsstörung zu diagnostizieren, warum sollte sich dann eine Fachperson den Aufwand machen, diese noch weiter zu spezifizieren und sich mit seiner fachlichen Meinung konkreter festzulegen, wenn das doch gar nicht nötig ist (ausgenommen in einem offiziellen Gutachten)?

  • #10358

    @ vaira,nein.Borderline wird auch umbenannt,aber ich weiß nicht,wie das zukünftig heißt.

     

  • #10360

    christkindchen: Im ICD-11 wird es, neben den 5 Qualifikationsmerkmale (Negative Affektivität, Loslösung, Enthemmung, Dissozialität, Anankastie) ein weiteres geben: Das „Borderline Muster“. Dieses kann zusätzlich diagnostiziert werden. Die Diagnose sieht dann beispielsweise so aus: Schwere Persönlichkeitsstörung mit hoher Enthemmung, hoher Dissozialität und Borderline Muster. Allerdings gehe ich persönlich davon aus, dass die Bezeichnung Borderline erhalten bleibt. Anders als ÄvPS ist „Borderline“ ein Begriff, der sich nicht nur in der Fachwelt, sondern auch in der breiten Öffentlichkeit etabliert hat.

     

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #10370

    Fachlich finde ich diese Veränderung nachvollziehbar und überfällig. Das bisherige System war nicht sehr gut. Schon deswegen, weil menschliche Persönlichkeiten zu komplex sind, um sie fehlerfrei in Kategorien einzuordnen. Es gibt viele Menschen mit einer Persönlichkeitsstörung, die über die Zeit einen Haufen Diagnosen ansammeln, aber eigentlich trotzdem nur *eine* Persönlichkeit haben. Oder wo die Diagnostiker*innen in jeder Einrichtung was anderes sagen – die Fehleranfälligkeit ist extrem hoch.
    Mit dem neuen System können Menschen sehr viel präziser beschrieben und differenziert werden. Ich hätte dann statt vier Persönlichkeitsstörungen die ich jetzt habe nur noch eine. Fehldiagnosen werden seltener, und die Diagnosen, die wir kriegen, sagen mehr über uns aus (also auf wen das mit der Dissozialität nicht zutrifft, bei dem würde das auch nicht in der Diagnose stehen). Außerdem fallen stark stigmatisierende Begriffe wie „narzisstisch“ oder „paranoid“ weg.

    Für Patient*innen ist es trotzdem schwierig, weil zum einen das Gefühl vermittelt wird, die bisherige Identifizierung ist ungültig, und zum andern, weil man jetzt nicht mehr einfach mal einen Begriff googlen und Informationen oder Gleichgesinnte finden kann.

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