Es fühlt sich an, als würde mich niemand wirklich sehen

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#9957

Sorry im Voraus, das wird ein langer Text.

Mein Psychiater hat mir diese Woche gesagt, ich zeige Anzeichen und Merkmale einer ÄVPS. Daran habe ich gerade ein wenig zu knabbern und suche daher Rat, Sympathie und Menschen mit ähnlicher Erfahrung. Ich bin sehr froh, dass ich auf Anhieb dieses Forum hier gefunden habe. danke

Ich hatte schon immer das Gefühl, dass mich niemand wirklich kennt. Während dem grössten Teil meiner Schulzeit, bin ich zwischen den Freundesgruppen hin und her gependelt, nur um mich nach kurzer Zeit entweder gelangweilt oder gefangen zu fühlen. Ich habe mich ständig gefragt, ob sie mich wirklich akzeptieren und fühlte mich mehr und mehr abgelehnt. Also habe ich mich zurückgezogen. Bin nicht mehr aufgetaucht und habe mich nicht mehr gemeldet.

An der Uni hatte ich im ersten Jahr die Gelegenheit, einer Gruppe von Mädchen in einer Veranstaltung nahe zu kommen, aber ich war misstrauisch gegenüber Gruppenbeziehungen geworden, weil sie einschüchternd sind und ich oft nicht das Gefühl habe, ich selbst zu sein unter Leuten. Wie auch immer, ich dachte, ich bin eine freundliche Person, ich höre immer gerne Menschen zu, bin mitfühlend und einfühlsam. Ich finde, mit der richtigen Person kann ich sehr schnell enger werden, aber mit so vielen Menschen gleichzeitig bin ich überfordert.

Es will mir nicht gelingen, ungezwungene, ehrliche Freundschaften zu pflegen. Über kurz oder lang komme ich an den Punkt, an dem eine Beziehung für mich wie sinnlos wird. Ich nehme mich raus und sehe, dass es ohne mich ja eigentlich viel besser funktioniert. Schwupdiwupp und raus.

Es geht mir wirklich auf die Nerven und behindert mich total im Studium. Hier wird wahnsinnig viel Wert auf Teamarbeit gelegt und wer nicht die ganze Zeit am Kontakte pflegen und knüpfen ist, hat es schwer den Dozenten zu gefallen. Ich tue mein Möglichstes um so zu tun als ob und bin mir sicher, dass mir einige das tatsächlich abkaufen und mich für jemanden halten, der sehr kontaktfreudig ist und viele Freunde hat. Schön. Keiner soll ahnen wie isoliert und geächtet ich mich tatsächlich meist fühle.

Um zumindest einmal am Tag diese innerliche Anspannung und Unruhe loszuwerden, habe ich angefangen regelmässig Gras zu rauchen. Leider wirkt sich das nicht gerade positiv auf meine Motivation und Aufmerksamkeit aus. Ich habe mittlerweile ziemlich Schwierigkeiten Fristen einzuhalten. Ausserdem habe ich manchmal den Eindruck, dass das Gras mich zwar entspannt, aber auf meine Empfindlichkeit gegenüber den Menschen um mich herum verstärkt.

Ich habe das Gefühl, dass keiner mir wirklich helfen kann und ich habe aktuell ziemliche Angst, dass ich nicht mal meinen Abschluss schaffe. Ich studiere Neurowissenschaften und war die meiste Zeit meines Studiums top in meinen Leistungen. Wenn ich mal nur mittelmässig abschneide, flippe ich fast aus. Ich gerate in Panik. Ist das nicht der Anfang vom Ende?

Mir wurde von der Studienberatung empfohlen, mich von einem Psychiater beraten zu lassen. Dieser hat eine situative Depression, eine generalisierte Angststörung und ÄVPS-Merkmale diagnostiziert. Ich weiss, dass es in diesem Forum nicht um Selbstdiagnose geht, aber ich habe ein starkes Gefühl, dass die ÄVPS die Wurzel meiner Probleme ist. Daher bin ich auf Spurensuche. Versuche die Puzzleteile irgendwie zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenzufügen.

Ich nehme SSRI, würde aber gerne ein Medikament bekommen, dass stimuliert bzw. mir mehr Antrieb gibt. Ich mache auch eine ambulante Therapie, aber nachdem mir immer klarer wird, wie tief ÄVPS geht und wie sehr sie mit mir als Person und Persönlichkeit verwachsen ist, kann ich mir immer weniger vorstellen, wie ein paar Gespräche daran irgendetwas ändern sollen.

Ich habe keine bestimmten Fragen an die Nutzer dieses Forums. Alle Worte der Güte oder Weisheit werden geschätzt.

Wenn sich jemand die Zeit genommen hat, dies alles zu lesen, weiss ich das wirklich zu schätzen. Ich wünsche alles Gute!

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  • #10508
    Veräffentlicht von: @kirschbluete

    nur um mich nach kurzer Zeit entweder gelangweilt oder gefangen zu fühlen.

     

    Hallo Kirschblüte

    Mir geht es in vielem recht ähnlich, obwohl ich nicht studiert habe. Ich hatte während der Berufsschulzeit und im Berufsleben oft ganz ähnliche Schwierigkeiten.

    Besonders ins Auge gesprungen ist mir Deine Aussage, dass Du Dich in Freundesgruppen nach kurzer Zeit entweder gelangweilt oder gefangen fühlst. Das trifft auch auf mich zu. Ich kann nicht wirklich verstehen, wie man sich stundenlang über irgendwelche Banalitäten unterhalten oder rumalbern kann. Die Dinge die Gruppen so zusammen machen, langweilen mich meist recht bald. Ganz besonders das so populäre „gemeinsame Chillen“. Ich bin bedeutend entspannter, wenn ich alleine abhänge. All das bringt mich dann dazu zu denken, dass ich wohl vollkommen selber schuld bin daran, dass ich sozial so isoliert bin. Schwieriges Thema.

    Hoffe, Du findest ein paar Antworten!

  • #10509
    Hallo Kirschblüte,

    Ich hatte schon immer das Gefühl, dass mich niemand wirklich kennt

    Das kenne ich, bzw es nur sehr wenige gibt die es tun und bei denen ich mich auch wirklich traue mein verrücktes selbst zu sein.

    Bei anderen habe ich immer die Befürchtung, wenn ich mich so zeige wie ich bin, könnte ich sie verschrecken und dass sie dann den Kontakt mit mir meiden würden.

    Veröffentlicht von: @kirschbluete

    Ich habe mich ständig gefragt, ob sie mich wirklich akzeptieren und fühlte mich mehr und mehr abgelehnt.

    Unter Freunden oder guten Bekannten, diese ständige nagende Gefühl ob sie mich wirklich als Person mögen, auch wirklich an mir interessiert sind, oder nur aus Höflichkeit nett zu mir sind und sich mit mir abgeben.

    Auf Rückzug gehe ich vor allem dann, wenn mir ein peinlicher oder unangenehmer Fehler passiert ist. Dann denke ich immer: „Mit so einer Person können die nicht befreundet sein wollen“

    Veröffentlicht von: @kirschbluete

    Ich habe das Gefühl, dass keiner mir wirklich helfen kann

    Mit diesem Punkt kämpfe ich auch sehr in letzter Zeit. Es ist nicht leicht, da, wie du schon richtig erkannt hast, die ÄVPS ziemlich stark mit der eigenen Persönlichkeit verwoben ist. Außerdem beeinflussen sich die ÄVPS und Depressionen gegenseitig und können sich dadurch verstärken.

    Veröffentlicht von: @kirschbluete

    Ich nehme SSRI, würde aber gerne ein Medikament bekommen, dass stimuliert bzw. mir mehr Antrieb gibt

    Ich habe dafür SSNRI bekommen, die hemmen auch das Noradrenalin, was dann für mehr Antrieb sorgen soll.

    Vielleicht hilft es dir ein wenig weiter

    1 Benutzer dankte dem Autor für diesen Beitrag.
  • #10510
    Veröffentlicht von: @kirschbluete

    mit der richtigen Person kann ich sehr schnell enger werden, aber mit so vielen Menschen gleichzeitig bin ich überfordert.

    Hallo und willkommen kirschbluete

    Das kenne ich nur zu gut. Ich habe auch Schwierigkeiten mich in Gruppen wohl zu fühlen. Ich kann es meist nicht lassen, ständig „am Puls der Gruppe zu fühlen“. Wer findet wen sympathisch? Wer ist mit wem vertraut? Wo brodelt gerade eine Intrige und wer ist das Ziel? Alle diese Analysen laufen nicht wirklich bewusst, aber sie führen dazu, dass ich mich nach solchen Kontakten regelrecht ausgelaugt fühle.

    Veröffentlicht von: @ketura275

    diese ständige nagende Gefühl ob sie mich wirklich als Person mögen, auch wirklich an mir interessiert sind, oder nur aus Höflichkeit nett zu mir sind und sich mit mir abgeben

    Ich bin tatsächlich auch der festen Überzeugung, dass die meisten Menschen mit denen ich so in Kontakt komme, einfach nur freundlich und höflich sind. In Wahrheit interessieren sie sich genau so wenig für mich, wie ich mich meistens für sie interessiere. Also warum sollte ich mich mit meinen Gedanken, meiner Lebensgeschichte, meinen Hobbies oder meinen Leiden irgendjemandem aufdrängen? Ja, schönes Wetter heute… ihr wisst vielleicht was ich meine.

    Wegen Deinen Schwierigkeiten im Studium @kirschbluete ist mir noch etwas durch den Kopf gegangen. Ich weiss, dass es mittlerweile an einigen Schweizer Hochschulen und Unis spezielle Programme gibt für Menschen mit Persönlichkeitsstörungen. Das was Dir helfen würde, wäre ein Mentor. Ein Dozent oder eine Dozentin die Deine Diagnose kennt und Dich unterstützt. Jemanden der etwas mehr leistet, als eine Studienberatung die dir einmal pro Woche mehr oder weniger nützliche Tipps gibt. Würdest Du Dich trauen an Deiner Uni zu fragen, ob es da evtl. Möglichkeiten gäbe?

    Falls Du nichts dazu findest, kann ich gerne mal auf die Suche gehen!

    LG, trixi

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

    1 Benutzer dankte dem Autor für diesen Beitrag.
  • #10512

    Herzlich willkommen hier im Forum, kirschbluete!

    Meine Studienzeit ist zum Glück schon lange her, aber auch ichhabe mich damals sehr isoliert gefühlt. Es wurde damals noch nicht so viel Wert auf Teamarbeit gelegt wie heute, deswegen fiel es nicht so auf, wenn man abtauchte und lieber sein eigenes Ding machte. Aber im Beruf ist es jetzt schon sehr wichtig und ich kann auch mit anderen zusammenarbeiten, arbeite aber immer noch lieber allein und such mir die Aufgaben heraus, die ich allein machen kann, die aber etwas mehr Zeit kosten. Als Lehrerin ist man am Schluss ja sowieso allein verantwortlich für seine Klasse. Aber Zusammenarbeit mit Kollegen kostet mich sehr viel Energie.

    Insofern kann ich dich gut verstehen.

    Ich fühle mich in Gruppen auch nicht wohl, im Gegensatz zu Trixi habe ich aber eher das Problem, dass ich Beziehungen innerhalb der Gruppe, in der ich mich selbst befinde, irgendwie nicht analysieren kann. Ich habe das Gefühl, dass ich dann immer ein völlig falsches Bild von den Vorgängen in der Gruppe habe. Dann kann ich Menschen nur schwer einschätzen. Und auch von meinem Standpunkt in der Gruppe habe ich nur ein sehr unsicheres Bild. In einer Schulklasse ist das gar kein Problem, da habe ich ein professionelles Bild und erkenne die Vorgänge.

    Nur bei mir klappt es gar nicht!

  • #10515

    @kirschbluete, ich habe auch SNRI bekommen, und es hat mir einige Jahre geholfen. Ach ja, irgendwelche Suchtmittel zu konsumieren, um irgendetwas zu kaschieren oder zu betäuben, ist niemals eine gute Idee. Es schafft neue Probleme, die alles nur noch schlimmer machen. Ich weiß, dass das eine Binsenweisheit ist, aber leider kenne ich einige süchtige Menschen, sowohl Alkohol und Nikotin, aber auch Medikamente.

  • #10522

    Danke für Eure interessanten Antworten! Es ist ein beruhigendes Gefühl zu wissen, dass es anderen ähnlich geht wir mir.

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