Eltern von ÄVPS-Betroffenen: Wie waren Deine?

  • Dieses Thema hat 10 Antworten und 9 Teilnehmer, und wurde zuletzt aktualisiert 1 Jahr zuvor von claud.
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#9915

Hallo miteinander

Ich bin Mutter und meine Tochter hat ÄvPS. Die Diagnose ist im letzten Jahr gestellt worden. Mehr dazu in diesem Beitrag: Link

Als Mutter stelle ich mir seither natürlich viele Fragen und mache mir auch Vorwürfe. Habe ich etwas falsch gemacht? Was habe ich falsch gemacht? Ist es meine Schuld, dass mein Mädchen als Erwachsene nun Schwierigkeiten hat? Was hätte ich besser oder anders machen sollen?

Ich habe und hatte mit meiner Tochter, die heute in ihren Zwanzigern ist, ein gutes Verhältnis. Sie wohnt immer noch zuhause. Diesem freundschaftlichen Verhältnis verdanke ich es wohl, dass ich sehr wohl mit ihr über so Fragen reden kann. Allerdings beharrt sie auch immer wieder darauf: „Du hast nichts falsch gemacht Mama“. Obwohl ich froh bin, dass sie das sagt, bleiben meine Zweifel und Ängste.

Daher meine Fragen an andere Betroffene:

  • Wie war Dein Verhältnis zu Deinen Eltern?
  • Wie waren Deine Eltern charakterlich?
  • Wie war ihr Erziehungsstil?
  • Wie haben Deine Eltern vielleicht dazu beigetragen, dass Du ein/e ängstlich-vermeidende/r Erwachsene/r geworden bist?
  • Wie ist Dein Verhältnis zu Deinen Eltern heutzutage?

 

Herzlichen Dank im Voraus an alle, die ihre Erfahrungen und Erleben mit mir und anderen teilen!

Liebe Grüsse

Angelika

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  • #10119

    Meiner Mutter geht es ähnlich mit mir, so wie dir mit deiner Tochter. Ich habe mit meiner Mutter nach wie vor ein sehr gutes Verhältnis. Ich sehe bei ihr keine Schuld.

    Die Vermutung die ich habe bezüglich möglicher „Fehler“ seitens meiner Eltern trifft fast ausschließlich meinen Vater.

    Er kann nicht loben, hat kaum Freude gezeigt als ich ihm als Kind Geschenke gemacht habe. Hat mir oft wenn wir etwas gemeinsam gemacht haben, die sachen aus der Hand genommen und übernommen, so dass ich das Gefühl bekommen habe, dass ich nicht gut genug bin. Nicht gut genug das zu tun, meine Leistungen nicht gut genug für Lob. Aber wenn ich mal was falsch gemacht habe, oder nicht gleich verstanden habe wurde er sofort etwas lauter. Lauter werden ist seine Art von streng sein.

    Im Laufe der Jahre hab ich erkannt dass er selber nie gelernt hat Liebe durch lob zu zeigen, er zeigt sie anders, dadurch dass er immer für mich da war wenn ich praktische Hilfe benötigt habe oder Zeit für Ausflüge. Also verurteile ich ihn nicht und bin nicht nachtragend, denke aber dass sein Verhalten einen Beitrag zur Entwicklung meiner ÄvPS geleistet hat.

    Den Rest hat mir 8 Jahre  Mobbing während des Gymnasiums gegeben.

  • #10125

    Den Text von Ketura hätte ich ganz genauso schreiben können. Mit meiner Mutter kann ich über alles reden und sie ist auch die Einzige, die diese Diagnose kennt. Mein Vater ist auch eher streng, sofort laut und hat Schwierigkeiten, Lob zu zeigen. Wenn ich etwas nicht gut gemacht habe, war er eher herabsetzend. Aber ich trage es ihm nicht nach, er hat selbst nicht gelernt, Gefühle zu zeigen. Wir kommen klar miteinander, weil ich weiß,  dass er es gut meint und wenn ich Hilfe in meinem Haus brauche, ist er sofort da. Wir haben gelernt, uns manchmal aus dem Weg zu gehen. Da ich ein halbes Jahr krank geschrieben war und in dieser Zeit bei meinen Eltern gelebt habe, haben wir uns arrangiert. Aber er war mir in einer Hinsicht leider ein Vorbild, er kann auch überhaupt nicht mit Kritik umgehen.

    In der Schule wurde ich nicht unbedingt gemobbt, eher ignoriert.

     

  • #10141

    Eine ÄVPS ensteht durch das Nicht Zutrauen von Dritten.

    Eine ÄVPS heilt man in denen man den Vetroffenen den Zuspruch gibt, den Sie früher gebraucht hätten.

  • #10145
    Veröffentlicht von: pharao

    Eine ÄVPS ensteht durch das Nicht Zutrauen von Dritten.

    Eine ÄVPS heilt man in denen man den Vetroffenen den Zuspruch gibt, den Sie früher gebraucht hätten.

    Also… meine ÄVPS heilt man dadurch nicht… 😐 Ich fände es gut, wenn jeder bei sich bleibt. Jeder mit ÄVPS ist anders und braucht vielleicht etwas Anderes als der jeweils Andere.

  • #10148

    Mein Vater war ein introvertierter Träumer. Bei der Kindererziehung hat er sich rausgehalten (Klassisch: „Frag deine Mutter!“). Er hat dreissig Jahre lang bei der gleichen Firma gearbeitet und hat seinen Lohn jeden Monat meiner Mutter in die Hand gegeben. Er mochte sich nie so recht um Sachen wie Rechnungen kümmern. Lieber hat er seine Freizeit in seinem Bastelkeller verbracht. Er liebte es, die Welt in Büchern zu erkunden, aber hatte offenbar keinen Drang, diese risikoreichen Abenteuer tatsächlich selbst zu erleben. Ich kann mich nicht erinnern, dass mein Vater jemals engere Kontakte ausserhalb der Familie gepflegt hat.

    Als Kind habe ich seine Distanziertheit als Ablehnung mir gegenüber interpretiert. Erst seit ich von ÄvPS gehört habe, ist mir klar: Mein Vater war ängstlich-vermeidend. Genau wie ich. Nicht fehlendes Interesse oder mangelnde Liebe war der Grund, warum wir einander bis zu seinem Tod vor zehn Jahren immer irgendwie fremd geblieben sind. Wir waren uns zu ähnlich.

    Meine Mutter hatte in ihrer Kindheit Polio (Kinderlähmung). Ihre Jungendjahre hat sie praktisch ausschliesslich im Spital verbracht, wo sie mehrfach operiert wurde. Trotzdem blieb sie körperlich aufgrund der Polio beidseitig eingeschränkt. Während meiner Kindheit war sie zwar mobil, konnte ohne Hilfe gehen, stand aber sehr unsicher. So kann ich mich unter anderem erinnern, dass ich bereits im Vorschulalter als Stütze für meine Mutter gedient habe (sie hat sich beim Gehen an meiner Schulter abgestützt).

    Kein Wunder also, hatte ich bald eine sehr innige Beziehung zu meiner Mutter. Sie hat mir alles erzählt und mich schon als Kind behandelt wie eine Erwachsene. Damals fand ich das natürlich super. Bis ins Erwachsenenalter habe ich von meiner Mutter gesagt, sie sei „meine beste Freundin“.

    Erst in der Therapie fing dieses Bild an zu wackeln. Nach und nach hat sich mein Bild von unserer Mutter-Tochter-Beziehung so dargestellt, wie es wirklich war: Eine emotional missbräuchliche Beziehung. Meine Mutter hat mich „zum Ersatzpartner“ gemacht, da mein Vater auch für sie offenbar emotional nicht verfügbar war. Wie jedes andere Kind auch, wollte ich zwar diese Rolle gern einnehmen, war aber damit überfordert. Zu dem war und ist meine Mutter bis heute ein Mensch mit zwei Seiten: Sie hat extreme Stimmungsschwankungen und wird verbal übergriffig, wenn sie wütend ist. Ihr ganzes Verhalten zeigt deutliche Anzeichen einer Borderline-PS.

    Ich habe heute (ich bin jetzt 43 und sie in ihren 70igern) zwar immer noch Kontakt zu ihr, aber sie ist nicht mehr „meine beste Freundin“ (sie war es nie). Sie ist meine Mutter und ich weiss, sie liebt mich und ich liebe sie, als meine Mutter. Ich werfe ihr nichts vor, weil ich heute gut verstehe, warum sie ist wie sie ist. Aber ich bin überzeugt, dass sie direkt verantwortlich ist für die allermeisten psychischen Probleme mit denen ich mich bis heute rumplage.

    Meine Eltern sind somit beide ursächlich mitverantwortlich für meine ÄvPS. Genetisch, durch ihre Vorbildfunktion und durch ihre Handlungen. Nichts davon macht sie jedoch „schuldig“.

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #10149

    Vater, 79 J., Kriegskind, dominant, wohl oft im Leben auf sich alleine gestellt, abwesend in der Erziehung. Mutter, 78 J., devot, Hausfrau, phasenweise in ihrer Ehe depressiv, hat in ihrer Kindheit Abwertung erfahren, war für mich die einzige Bezugs- bzw. Erziehungsperson und ich zugleich „Ersatzpartner“ für sie. Wurde auch von meinem Vater dahingehend so instrumentalisiert bzw. manipuliert. Daher von ihr viele Verhaltensmuster übernommen (leider eher die Negativen), da Vater in der Erziehung bzw. als männliches Vorbild abwesend. Männliche Rollenmuster wie Durchsetzungsfähigkeit, Mut und Selbstbehauptung in der Kinder- und Jugendzeit nicht erlernt.

    Ergebnis: Wenig Durchsetzungsvermögen, geringes Selbstwertgefühl, Ängstlichkeit in Situationen, die unbekannt oder chaotisch sind sowie unorganisiert, unkontrolliert oder unvorhergesehen ablaufen. Häufige Stellenwechsel (gewollt oder ungewollt), häufige Probleme mit Vorgesetzten, lückenhafte Erwerbsbiografie mit häufigen Phasen von Arbeitslosigkeit. Seit der Jugendzeit kein Freundes- oder Bekanntenkreis, keine Partnerschaften, Rückzugstendenzen, werde nicht schnell „warm“ mit jemandem. Bei bestimmten Personen, wo beidseitig eine innige  Zuneigung zu spüren ist bzw. besteht, bin ich offen wie ein Buch, höflich, ein angenehmer Gesprächspartner und guter Freund.

    Häufige Klinikaufenthalte, in denen ich durchaus einige Bewältigungskonzepte erlernt habe. Die Umsetzung jedoch scheiterte häufig an den suboptimalen Bedingungen im Alltag, insbesondere im beruflichen Umfeld. Je nachdem, in welchem Unternehmen man beschäftigt ist und mit welchen Kollegen und Vorgesetzten man zu tun hatte, kam ich früher oder später unter die Räder, wobei es nicht an der Leistungsfähigkeit lag. Im Privaten Bereich hat man, wenn man auf dem Land lebt, wenig Möglichkeiten der Integration und Selbstentfaltung. Liebe Kunst und Kultur sowie angenehme Gespräche. War noch nie ein Kneipengänger, Discobesucher oder Vereinsmeier.

    Bin jetzt 50 Jahre und habe nach den herkömmlichen, gesellschaftlichen Konventionen im Leben beruflich und privat nichts erreicht. Ich habe zunehmend das Gefühl, mit der herkömmlichen Arbeitswelt nicht mehr kompatibel zu sein. Resignation macht sich seit einiger Zeit bei mir breit. Der immerwährende Existenzkampf sowie die unechten, aufgesetzten Bewerbungsprozesse sowie die damit verbundenen, ständigen Absagen haben mich zermürbt. Das Gefühl, mit dem Leben abschließen zu wollen, wurde in den letzten 2-3 Jahre größer.

  • #10150

    @trixi Gewisse Muster bzw. Ähnlichkeiten, die Sie beschrieben haben, kann ich auch bei der Beziehung zu meinen Eltern feststellen – seit der frühen Kinder- und Jugendzeit, wo ich begann abzudriften. Meine Eltern werden wohl in den nächsten Jahren aufgrund gesundheitlicher Probleme sterben. Mal schauen, wie ich damit emotional zurecht komme ? Ich hatte in meiner Kindheit immer schon das seltsame Gefühl, in einer familiären Konstellation zu leben, die mir schadet, konnte mich jedoch nie so richtig losreißen bzw. abnabeln.

     

  • #10152

    Willkommen im Forum!

    Veröffentlicht von: boam2001

    Der immerwährende Existenzkampf sowie die unechten, aufgesetzten Bewerbungsprozesse sowie die damit verbundenen, ständigen Absagen haben mich zermürbt. Das Gefühl, mit dem Leben abschließen zu wollen, wurde in den letzten 2-3 Jahre größer.

    Das kenne ich total gut. Mir ging es und geht es total gleich. Ich bin zu 50% erwerbsunfähig und beziehe jetzt seit drei Jahren eine Rente. Dafür bin ich unendlich dankbar, weil zumindest der Existenzkampf nun kein zentrales Thema mehr ist. Da ich jedoch noch zu 50% erwerbsfähig bin, muss ich mich weiterhin um Arbeit bemühen. Eigentlich kein grosses Ding. Aber ich hasse es. Ich hasse es zu lügen (und das wird erwartet, richtig?), zu beschönigen und an diesem ganzen verlogenen Prozedere teilzunehmen. Also sage ich „Persönlichkeitsstörung“ und der potentielle Arbeitgeber sagt „Nein Danke“.

    Es ist nicht so, dass ich nicht arbeiten will. Im Gegenteil. Ich hätte so gerne eine sinnvolle Beschäftigung, dass ich sogar auf einen Lohn verzichten würde. Ich kann mir das allerdings nur in einem Unternehmen vorstellen, in dem ich ganz offen sein darf und auch meine Bedürfnisse (ruhiger Arbeitsplatz, Kommunikation lieber per Email als Telefon…) anmelden kann. Leider scheint es unter diesen Bedingungen nicht möglich eine Stelle zu finden.

    Das ist übrigens der Grund, warum es dieses Forum hier gibt: Arbeitgeber wollen mir keine sinnvolle Aufgabe geben, also gebe ich sie mir selbst.

    Und gib dem Gefühl nicht nach, das wäre schade. Du hast hier noch nicht viel geschrieben, aber hast zumindest mir bereits mit mehr als einer Aussage aus der Seele gesprochen. Tut gut! Danke!

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #10347

    Meine Mutter kam aus einem schlimmen Elternhaus und wollte deshalb sehr früh selbst Kinder um wie sie immer sagte, ihre eigene heile Familie zu haben. Meine Eltern haben sich bereits in der Schwangerschaft getrennt, sodass ich ohne Vater aufwuchs. Er hat mit einer anderen Frau eine Familie gegründet,  sich um mich nie gekümmert.

    Von klein auf hatte ich das Gefühl mein unausgesprochener Auftrag sei es, irgendwas wieder gut zu machen, meiner Mutter die bedingungslose Liebe zu geben,  welche ihr immer gefehlt hat.

    Leider hat sie selbst nie gelernt wie man Liebe zeigen kann,  das man über Gefühle sprechen kann oder auch wie man Selbstführsorge betreibt. Echte Nähe konnte sie durch eigene frühe Traumata nie wirklich zulassen. Sie hat extrem viel gearbeitet. Wenn sie Zuhause war, war sie dementsprechend erschöpft, überfordert und oft genervt von mir und meinem jüngeren Bruder. Sodass wir vorallem emotional recht vernachlässigt wurden. Auch hatte sie immer wieder depressive Phasen und rückblickend hat sie mir einige der vermeidenden Verhaltensweisen vorgelebt.

    Ich hab sehr früh gelernt mich und meine Bedürfnisse sehr zurück zu nehmen um sie bloß nicht weiter zu belasten. Wollte immer das gute Kind sein,  was sie endlich glücklich macht. Doch hab es nie geschafft. Also hab ich mich so gut es ging angepasst und aus Loyalität auch nach außen niemanden gezeigt, wie es mir eigentlich ging. Ich hatte oft Mitleid mit ihr und fühlte mich irgendwie schuldig,  da sie unseretwegen ja so viel arbeiten musste und keinen Partner finden konnte..Ja auch die Partnerrolle hab ich versucht zu ersetzen und war natürlich komplett überfordert damit. Außerdem hat sie mir Glaubenssätze vorgelebt wie,  „Man muss alles alleine schaffen“, „Die Welt ist gefährlich“, „uns passiert immer irgendein Mist“, „Wir dürfen kein Risiko eingehen“, „Das Leben ist ein Kampf“….

    Ich wusste immer das sie uns liebt auch wenn sie es nicht zeigen konnte und das sie auf ihre Weise ihr bestes gegeben hat. Trotzdem hat natürlich vieles gefehlt und geschmerzt. Ihre wenigen Freundschaften zerbrachen mit den Jahren auch. So wollte ich ihr im Erwachsenenalter immer eine Freundin sein und war es auch. Wenn es in meinem Leben um irgendwelche Veränderungen oder Risiken ging hat sie immer erstmal aufgezählt was da alles bei schief gehen könnte.

    Vor etwa 3 Jahren hab ich begonnen mich mit diesen ganzen Dingen auseinanderzusetzen und verstehe seitdem natürlich viel besser wieso ich geworden bin wie ich heute bin. Seit dem weiß ich aber auch nicht mehr wie ich mit meiner Mutter umgehen soll. Einerseits tut sie mir unendlich leid,  da ich sie seit dem immerwieder abblocke. Anderer Seits erinnert mich so vieles an ihr an damals und ich sehe dieses einsame und überforderte Kind was ich war in mir. Das macht mich dann wütend, aber diese Wut ist verboten. Ich durfte sie nie zulassen. Musste immer Verständnis für sie haben.

    Ich kann aber auch heute nicht mit ihr darüber sprechen. Denn trotzallem will ich ihr keine Vorwürfe machen und ich weiß sie konnte es nicht besser. Ich will ihr nicht die Schuld für Dinge geben die heute noch in meinem Leben schief laufen. In diesem Konflikt stecke ich nun irgendwie fest.

    Ohje soviel Text aus meiner Feder.

    Abschicken oder löschen?

    Scheiß drauf. Raus damit.

    😀

  • #10348

    Hey 🙂

    ich finde Deine Frage sehr nachvollziehbar, und kann mir gut vorstellen, dass so etwas für Eltern ganz schwer ist.
    Ohne jetzt wirklich viel über Dich zu wissen, denke ich, die Tatsache, dass Du ein Vertrauensverhältnis zu Deiner Tochter hast, und dass sie Dir sagt, Du hast nichts falsch gemacht, sieht für mich so aus, als würde Deine Tochter tatsächlich den Fehler nicht bei Dir sehen. Wobei, Fehler machen alle Eltern (sind ja auch nur Menschen), und manchmal sind es viele Kleinigkeiten die „schief gehen“ und sich summieren ohne dass es jeweils in der Situation aufgefallen wäre, aber kein großes identifizierbares Trauma.

    Beispiel von mir: ich habe große Probleme, mich im Berufsleben auf Verantwortung und Karriere einzulassen (obwohl ich Gelegenheiten dazu hatte) und führe das u. a. darauf zurück, dass meine Eltern und viele Eltern in meinem Umfeld in der Wendezeit im Osten erst ihre berufliche Identität komplett verloren, und sich dann auch noch kapitalistischen Gauner*innen rumschlagen mussten, die kein Interesse an blühenden Landschaften im Osten, sondern nur in ihren eigenen Geldbeuteln hatten. Meine Eltern sind beide Akademiker (Dipl.-Ingenieure) und mein Vater sogar hoch spezialisiert und Führungskraft (soweit oben wie ohne Parteibuch eben kam), der wäre heute fürstlich bezahlt worden. In der Nachwendezeit sind sie beide trotz top Bildung und Berufserfahrung beruflich untergegangen und haben sich bis zu ihrem Ruhestand nie wieder richtig berappelt. Diese frustrierenden beruflichen Kämpfe, unterbrochen durch gelegentliche Arbeitslosigkeit mit bekloppten Maßnahmen vom Amt, habe ich als Kind natürlich miterlebt, und die Stimmung in der Familie war ziemlich schlecht. Da hat sich bei mir das Gefühl ausgeprägt: Berufserfolg ist etwas unerreichbares, oder ist zumindest nix für Leute „wie uns“. Deshalb habe ich es nie versucht, schiebe meinen Hochschulabschluss vor mir her und bleibe auch mit meinen Nebenjobs weit unter meinen Möglichkeiten.
    Das ist zwar nur ein Aspekt meiner ÄVPS, aber ist schon sehr zentral.
    Kann ich das jetzt meinen Eltern vorwerfen? Was hätten sie machen sollen? Das Thema verschweigen? Wäre noch schlimmer gewesen. Mich ermutigen, dass ich was auch mir mache? Haben sie immer.

    Manchmal ist niemand schuld und trotzdem gehen Dinge schief. :-/

    Ansonsten würde ich den Anteil meiner Eltern an meiner Störung so beschreiben: Sie haben mir gewisse negative Sichtweisen und eingeschränkte Möglichkeiten vorgelebt. Aber nicht aus Bösartigkeit, sondern weil das ihre Normalität war.
    Beide sind sehr lieb und unterstützen mich (vielleicht auch zu sehr? Sodass ich nie selbständig werden muss und immer unsicher bleiben kann?) und führen eine stabile und ich würde denken auch glückliche Ehe. Aber meine Mutter ist halt selbst nicht sehr selbstsicher nach außen. Mein Vater ist zwar selbstsicher und sehr kompetent, aber ich glaube der würde heutzutage als hochsensibel durchgehen, also den stört alles: laute Musik, Gerüche, Besuch im Haus, etc. Also ich hatte eine selbstunsichere Mutter und einen ständig genervten Vater. Also wie gesagt, beide lieb – aber kamen halt schnell an ihre Grenzen. Da habe ich als Kind natürlich vieles auf mich bezogen und mich immer als „falsch“ empfunden.

    Ich würde das denen aber nicht vorwerfen, denn sie sind ja auch nur Menschen mit einer Geschichte und Gründen, warum sie so sind. Und immerhin haben sie mir ein stabiles und so grundsätzlich auch warmherziges liebevolles Zuhause geboten und ich habe auch sehr viele positive Eigenschaften daraus mitgenommen.

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