Eine Kindheitserinnerung: Kriminell einsam!

  • Dieses Thema hat 7 Antworten und 8 Teilnehmer, und wurde zuletzt aktualisiert 3 Monate zuvor von Helena.
  • Diesem Thema ist das Präfix Erzählen zugewiesen
Autor
Thema
#9938

Hallo ihr lieben

Heute habe ich mich an eine Begebenheit aus meiner Kindheit erinnert, die ich gern mit Euch teilen würde.

Als ich ungefähr elf Jahre alt war, wurde ich in unserem dörflichen, kleinen Supermarkt beim Klauen erwischt. Ich erinnere mich nicht mehr genau, was ich eingesteckt hatte, aber ich meine es war Kaugummi oder etwas in der Art. Ich erinnere mich aber sehr gut, dass der Mitarbeiter des Supermarkts, welcher mich beim Verlassen des Ladens buchstäblich am Kragen gepackt hat, mich „Bursche“ genannt hat. Es waren die Achtziger, Mädchen mit kurzen Haaren offenbar noch etwas unerwartetes. Im Büro des Geschäftsführers bekam ich eine Strafpredigt und das Versprechen, dass sie meine Eltern informieren würden. Ich ahnte also, dass mich zuhause Ärger erwartet. Ich täuschte mich, es war viel schlimmer als Ärger: Meine Mutter hat geweint und mich nur gefragt, wie ich auf diese blöde Idee gekommen sei. Ich habe erzählt, dass eine Freundin aus der Schule mich dazu überredet hatte. Da der Supermarkt darauf verzichtete, Anzeige zu erstatten, war die Sache damit dann tatsächlich auch erledigt.

Warum ich Euch das erzähle? Nun, weil die Geschichte zu einer ÄvPS-Geschichte wird, wenn ich heute erklären kann und darf, wie das wirklich war:

Ich hatte während meiner Schulzeit keine Freunde und meine Geschwister standen mir auch nicht wirklich nahe. Ich war sehr allein und einsam, was ich aber niemanden gegenüber zugeben konnte. Ich hatte gelernt, so zu tun, als ob würde es mir nichts ausmachen. Keine Ahnung woher genau, Fernsehen oder Bücher, habe ich erfahren, dass Diebstahl bei manchen Kindern und Jugendlichen auch ein Hilfeschrei sei kann. Ich dachte also, Ladendiebstahl sei eine adäquate Methode auf sich aufmerksam zu machen und dass ich dann Hilfe bekäme. Nun, es hat offensichtlich nicht funktioniert. Die Geschichte mit der Freundin die mich angeblich angestiftet hat, war natürlich auch frei erfunden.

Heute habe ich grosses Mitgefühl, für das Kind das ich damals war. Ich erinnere mich auch sehr gut, dass ich schon damals dachte: Nicht mal die Sache mit der Kleinkriminalität hast Du drauf.  😤 Eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeit macht einem zwar nicht zum Helden, aber immerhin auch nicht zum Verbrecher. 😉

Danke fürs Zulesen! Gaby

Ansicht von 6 Antwort-Themen
Autor
Themen und Antworten
  • #10373

    Das ist echt traurig.

    Nimm das einsame Mädchen gedanklich in die Arme.

    Es scheint meinem hier zu ähneln. Ich hab früher auch Kleinigkeiten geklaut, mir war aber nicht bewusst das es ein Hilfeschrei ist. Jedoch hab ich versucht mir mit verschenken der geklauten Dinge Freunde zu machen und cool und mutig zu wirken. Tja als ich dann erwischt wurde habe ich aber rotz und Wasser geheult 😀

    Außer ner fetten Standpauke, enttäuschte Blicke meiner Mutter und Stubenerrest hat es mir auch nichts gebracht.

    Hat niemand gehört.

    Das Hilfe schreien.

  • #10374

    Ich hätte mich als Kind überhaupt nicht getraut, etwas zu klauen (ok, als Erwachsene auch nicht). Ich war immer ein braves Mädchen aus lauter Angst, irgendwie anzuecken. Das Schlimmste, was ich mir vorstellen konnte, war, von anderen kritisiert zu werden. Aber auch das war ein Schrei nach Hilfe. Ich habe mich also immer angestrengt, es allen Recht zu machen. War das nicht möglich, habe ich mich lieber zurückgezogen. Was allerdings meine Einsamkeit verstärkt hat.

     

  • #10376

    Die Geschichte kommt mir sehr bekannt vor. Auch ich habe viel Mist gebaut um auf mich Aufmerksam zu machen. Leider hat es nicht viel gebracht ausser Kummer für meine Eltern. Danke Gany, dass Du diese Erinnerung mit uns teilst. Ich musste sofort an meinen Therapeuten denken, der nicht müde wird, mich darauf hinzuweisen, dass das Nacherleben von Emotionen der Kindheit im Erwachsenenalter nützlich und gut sei, und im besten Fall sogar eine depressive Erkrankung verhindern kann. Manchmal gelingt es einem erst im Rückblick, traurig zu sein und sich selbst Mitgefühl entgegen zu bringen. Erst jetzt dürfen wir fühlen, was wir damals aus Scham oder Rücksichtsname auf die lieben Eltern nicht zulassen konnten.

     

    Mann mittleren Alters mit ÄVPS, Beziehungsangst und einem Alkohol-Problem. Aber ansonsten eine wirklich gute Partie.

  • #10390

    Traurig! aber kinder tun viel seltsame sachen wenn sie keine Worte haben zum erklären.

     

  • #10394

    Ich habe in der Grundschulzeit auch einige Male geklaut. Aufgeflogen bin ich in meinem Heimatdorf natürlich. Meine Familie war sehr enttäuscht. Doch nicht einmal Konsequenzen gab es.
    Meine Mutter und mein Stiefvater haben damals in der Küche so eine riesengroße Glasflasche gehabt, in der sie Kleingeld gesammelt haben. Da habe ich dann Geld draus geklaut, um Süßigkeiten und so zu kaufen. Irgendwann flog auch das auf – meine Mutter war unglaublich wütend. Dafür gab es eine Konsequenz, mir wurde das Taschengeld gestrichen – bis ich 18 war.

    So oder so, entweder wurde ich nicht „gesehen“ oder „gesehen zu werden“ war unerträglich, weil meine Mutter dann nur tobte. Am besten war, unsichtbar zu werden.

     

  • #14784

    Meine Kindheitserinnerungen beginnen mit 3 Jahren. Damals kam ich in den Kindergarten und die Einsamkeit begann. Ich war immer der Längste, Schwächste und Langsamste. Man konnte mir ruhig eine runterhauen. Ich kam nicht hinterher und konnte mich nicht wehren. Zudem bin ich immer über meine eigenen Füße geflogen. Alle haben mich ausgelacht. Und befreundet mit mir wollte keiner sein. Eigentlich komisch. Ich habe bis heute keinen wirklichen Freund und bin doch 53 Jahre alt geworden.

    Ich denke damals im Kindergarten und Schule hat meine ÄVPS ihren Anfang genommen. Ich wollte einen Freund, auch mal auf einen Kindergeburtstag. Ich wurde zum Klassenclown, damit ich gemocht werde. Was natürlich nicht passiert ist. Zuhause wurde ich gehänselt, weil ich mich nicht wehren konnte und später mit 18 noch immer keine Freundin hatte. Es hat sich eine Angst vor Menschen entwickelt.

    Auch ich habe als Kindergartenkind bei einem anderen Kind ein Spielzeugauto geklaut, weil ich mich nicht getraut habe, es mir von meinen Eltern zu wünschen. Ich wurde nicht erwischt. Habe aber bis heute ein schlechtes Gewissen. Insbesondere wenn ich den ehemaligen Spielkameraden heute sehe.

    1 Benutzer dankte dem Autor für diesen Beitrag.
  • #14787

    Zudem bin ich immer über meine eigenen Füße geflogen.

    Zwei linke Beine? Das kenn ich auch. Ich war für ein Mädchen ziemlich gross und staksig… War alles kein Problem, solange mir keiner beim Gehen zugeschaut hat. Aber je mehr Blicke auf mich gerichtet waren, desto wahrscheinlicher war es, dass ich gestolpert bin.

Ansicht von 6 Antwort-Themen
  • Du musst angemeldet sein, um auf dieses Thema zu antworten.