Depressionen: Bin das ich oder mein Hirnschnupfen?

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Ich hatte in meinem Leben mehrere depressive Episoden. Die leichten und mittelschweren sind dabei natürlich weniger in Erinnerung geblieben als drei schwere Episoden.

Meine letzte schwere Episode ist noch gar nicht lange her und sie hat sich in einem wesentlichen Punkt von den vorherigen unterschieden: Diesmal gab es keine persönliche Krise oder einen externen Auslöser. Meine ersten schweren Episoden standen jedes mal in Zusammenhang mit traumatischen Erlebnissen und akuten Lebenskrisen. Es waren also „reaktive Depressionen“, mit nachvollziehbaren externen Auslösern.

Ich hatte jedoch bei einigen mittelschweren oder leichten depressiven Episoden öfter mal den Eindruck, dass sie auch einfach aus dem „Nichts“ auftraten. Also ohne einen logischen oder nachvollziehbaren Grund.

Als ich im Januar diesen Jahres festgestellt habe, dass ich meine Tage eigentlich nur noch auf dem Sofa liegend verbringe, gequält von absurden Ängsten und Sorgen und mir eigentlich absolut nichts mehr zugetraut habe (noch nicht mal mehr hier im Forum einen Beitrag zu schreiben!), hat es erstaunlicherweise trotzdem noch fast einen Monat gedauert, bis bei mir der Groschen gefallen ist:

Es war der überfällige Aha-Moment und die Erkenntnis: „Das bist nicht du! Das ist eine depressive Erkrankung.“

Rückblickend kommt es mir ziemlich verrückt vor, dass ich rund einen Monat gebraucht habe um drauf zu kommen, was gerade wirklich mit mir passiert. Nämlich das ich krank bin und nicht einfach wegen meiner ÄVPS mal wieder nichts auf die Reihe bekomme.

Bestätigt hat sich dies, nachdem ich vom Hausarzt Antidepressiva verschrieben bekommen habe und diese zum Glück gut gewirkt haben. Ich nehme sie mittlerweile seit 2 Monaten und es geht mir wieder viel besser. Tatsächlich bin ich jetzt wieder Ich-Selbst, was ich im Januar definitiv nicht war.

Zum ersten Mal habe ich die Depression diesmal als etwas erlebt, was nicht zu mir gehört. Wie eine Viruserkrankung, die ich mir irgendwo eingefangen habe, weil ich einfach Pech hatte und nicht weil ich irgendetwas getan habe (oder nicht getan habe), was die Depression verursacht hat.

Eindringlich eingeprägt hat sich auch die Erfahrung, dass meine ÄVPS am Tiefpunkt meiner Depression so extrem viel schlimmer war.

Nach rund 20 Jahren Therapie komme ich heutzutage mit meiner ÄVPS eigentlich recht gut zu recht. Ich habe meine Coping-Strategien und ein grosses Mass an Verständnis für mich entwickeln können, so dass ich mit vielen Symptomen heute besser umgehen kann und einige gar nicht mehr auftreten.

Während der Depressionen war das anders.

Eine depressive Erkrankung verstärkt die Symptome einer ÄVPS!

Ich glaube, dies sind zwei Punkte, die man als ÄVPS-Betroffener im Hinterkopf behalten sollte. Zwar sind Depressionen eine häufige Folgeerkrankung von ÄVPS, aber das eben nicht, weil wir uns selber mit unserer Persönlichkeit krank machen. Depressionen sind auch ein schlichter „Hirnschnupfen“: Ein Ungleichgewicht in der Hirnchemie!

Das Depressionen bei uns oft einen schweren Verlauf nehmen, hängt aber wiederum schon mit ÄVPS zusammen. Ich vermute, weil wir die Tendenz haben, für Umstände die Verantwortung zu übernehmen oder salopp formuliert: Uns sowieso immer an allem die Schuld geben. ÄVPS und Depressionen befeuern sich gegenseitig.

Meine These und ihre Schlussfolgerungen oder die daraus zu ziehenden Erkenntnisse (Wahrheiten?) sind mal wieder etwas unausgereift. Ich freue mich daher, wenn ihr mir dabei helft, den Finger auf das Wesentliche zu legen!

Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

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  • #10464
    Veröffentlicht von: @trixi

    Ich hatte jedoch bei einigen mittelschweren oder leichten depressiven Episoden öfter mal den Eindruck, dass sie auch einfach aus dem „Nichts“ auftraten. Also ohne einen logischen oder nachvollziehbaren Grund.

    Das kenne ich leider nur allzu gut. Die meisten meiner depressiven Phasen kommen für aus dem heiteren Himmel. Zum Beispiel sehe ich mir etwas an oder lese etwas (nicht mal was emotionales) und auf einmal kommt ein ungutes Gefühl auf, welches mit der Zeit immer stärker wird, bis ich letztendlich in einer Depression drinnen stecke (oder ein ähnliches Gefühl wie einer Panikattacke habe). Da kann ich noch so viel nachdenken, ich komme auf keinen Auslöser.

    Veröffentlicht von: @trixi
    Eine depressive Erkrankung verstärkt die Symptome einer ÄVPS!

    Das ist mir auch schon aufgefallen. Diese beiden Erkrankungen beeinflussen und verstärken sich gegenseitig.

  • #10466

    Ich kann zwar erst von einer depressiven Episode berichten, aber dass sich Depression und ÄvPS gegenseitig bedingen, dem kann ich voll zustimmen. Durch die Depression und die sie auslösenden Faktoren, die Überforderung durch meinen Zwang, alles richtig und es allen Recht zu machen, verstärkte sich die Angst und das Vermeiden. Die Angst vor Kritik war auch vor der Depression schon sehr stark, aber mit der Erkrankung traute ich mich nicht mal mehr, mit einer Verkäuferin zu reden, aus Angst, sie würde mir deutlich machen, dass sie mich ablehnt.

    Durch ÄvPS ist man sowieso schon sehr empfindlich, aber die Depression macht einen dann komplett dünnhäutig und man fühlt sich extrem angreifbar. Also zieht man sich noch weiter zurück und gibt auch die Kontakte  auf, die man noch hat. Da soziale Kontakte einen aber aus der Depression holen können, verstärkt sich die Depression aber auch durch ÄvPS.

    Ich glaube, dass mit ÄvPS der Weg aus der Depression auch wesentlich langwieriger ist als ohne (und es gibt auch eher Rückschläge). Wobei ich nicht ausschließen möchte, dass das z. B. bei zwanghaften und dependenten PS nicht genauso ist.

  • #10500

    Was ihr beschrieben habt, kenne ich nur zu gut. Leider habe ich das Pech, dass dieses mal die Antidepressiva so gar nicht anschlagen. Mein Psychiater will mich zwar spätestens nach 6 Wochen immer wieder sehen, aber so langsam mag ich gar nichts mehr gegen meinen Zustand unternehmen, es ist irgendwie alles so sinnlos. Außer mit meiner Familie will ich auch mit niemanden mehr etwas zu tun haben, alles strengt mich unglaublich an. Es ist auch schon mehr als anderthalb Jahre her, dass ich das letzte Mal richtig gelacht habe. Gut, über einen Sketch oder Witz schmunzeln geht noch, aber wie lachen und gute Stimmung sich anfühlen, habe ich vergessen. Und meine Schuldgefühle machen mich wahnsinnig. In unzähligen Therapiestunden habe ich gelernt, dass die Schuld nur eingebildet ist, dass das zur Krankheit gehört. Derzeit werden sie aber so heftig, dass ich mich selbst verletzen muss, um mich zu bestrafen und um Schlimmeres zu verhindern. Mein Psychiater weiß das, und es ist der Hauptkampf, den ich zu bestreiten habe. Es ist sehr belastend, darüber nicht reden zu können, weil dieses Thema wirklich jeden überfordert. Obwohl ich Familie habe und alle sehr liebe, bin ich in dieser Beziehung doch allein.

     

  • #10501

    @christkindchen Freue mich, wieder einmal etwas von Dir zu lesen! Drei Jahre mit einer schweren Depression ist unvorstellbar hart! Ich mag es mir gar nicht ausmalen und bin gerade sehr dankbar, dass ich ein Antidepressiva habe, welches bei mir wirkt.

    Veröffentlicht von: @christkindchen

    bin ich in dieser Beziehung doch allein.

    Bist du nicht! Ich weiss, ich bin nicht viel und wir kennen uns nicht mal persönlich. Aber ich denke an dich und habe jederzeit ein offenes Ohr. Ich kann Dir zwar auch nicht viel mehr sagen als, „ich verstehe dich und fühle mit dir“, aber wenn man mit soviel Finsternis leben muss, ist manchmal auch ein winziger Augenblick Sonnenschein etwas kostbares.

    Bleib stark, denn das bist Du!

     

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #10503

    @trixi, Danke für deine Worte, aber derzeit fühle ich mich überhaupt nicht stark.

     

  • #10504

    @christkindchen

    Hallo, das kann ich gut verstehen, dass du dich nicht stark fühlst. Aber das ist ja auch ein Problem bei ÄvPS, dass es eine Diskrepanz zwischen dem eigenen Gefühl und der objektiven Situation gibt. Ich vermute, dass du viel stärker bist, als du denkst. Bist du denn zur Zeit noch in Psychotherapie?

    Ich würde mich freuen, wenn du mehr hier schreibst, denn darüber reden kann auch schon helfen, auch wenn wir uns nicht persönlich kennen. Und allein bist du dann auch nicht.

    Alles Gute für dich,

    Suusan

  • #10505

    @susan

    Dankeschön,Hörnchen.Ich habe schon viele Psychotherapien (kognitive Verhaltenstherapie) hinter mir. Einige wenige Jahre war ich auch symptomfrei. Mein Psychiater meinte da,man könne die Antidepressiva jetzt absetzen. Hätten wir das bloß nicht gemacht, nach einem dreiviertel Jahr kam die Depression mit Wucht zurück. Jetzt frage ich mich, ob es nicht doch so etwas wie eine Abhängigkeit davon gibt. Interessant ist aber, dass das Präparat nicht mehr geholfen hat. Seit einem Jahr bekomme ich Lithium zur Verstärkung dazu, aber das einzig Starke daran sind die Nebenwirkungen.

    Im Laufe meiner „Karriere“ habe ich schon viele Antidepressiva gehabt, und es war nicht einfach und hat mehrere Monate gedauert, überhaupt ein hilfreiches zu finden.Mein Psychiater weiß, dass es mir nicht so gut geht, und wir werden wohl das Präparat wechseln müssen. Nur auf welches? Viele sind nicht mehr übrig….

  • #10506

    Dass die Medikamente nicht anschlagen, ist wirklich blöd. Da kann ich deine Frustration verstehen. Ich nehme erst seit knapp einem Jahr Medikamente und sie haben zum Glück angeschlagen. Aber ich habe schon öfter gehört, dass nach längerer Einnahme manches nicht mehr funktioniert. Aber dann solltest du erst recht die Termine bei deinem Psychiater wahrnehmen. Wenn er sagt, er möchte dich alle sechs Wochen sehen, dann solltest du das nutzen. Auch wenn du schon eine lange „Therapie-Karriere“ hinter dir hast, hast du dann trotzdem die Möglichkeit zu Gesprächen mit einem Psychologen? Auch wenn man in seinem Leben dann schon viel über das Verhalten gelernt hat, hilft ein Gespräch mit einem Profi. Und allein mit Medikamenten kommt man nicht aus einer schweren Depression. Aber reden hilft. Wenn ich einen schlechten Tag habe, dann hilft mir, mich bei meinem Psychologen einmal richtig „auszukotzen“. Vielleicht hast du ja die Möglichkeit zu einem Gespräch mit einem Profi.

    Lieben Gruß,

    Susan

  • #10507

    Hey Christkindchen, ich kann mich Susan nur anschliessen!

    Eines möchte ich ergänzen:

    Veröffentlicht von: @christkindchen

    aber derzeit fühle ich mich überhaupt nicht stark.

    Genau darum weiss ich, wie stark Du bist! Es braucht keine Kraft, wenn einem alles leicht und einfach von der Hand geht. Ich habe sehr präsente Erinnerungen daran, wie bleischwer eine Depression auf einem lasten kann und habe grössten Respekt dafür, wie lange Du dieses Gewicht schon mit Dir rumträgst.

    Du hättest wirklich eine Pause verdient! Drücke Dir ganz doll die Daumen, dass es Dir recht bald endlich etwas besser geht!

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #10513

    @susan, danke

     

  • #10514

    @trixi, auch dir danke

     

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