Berufsleben, wie klappt es für euch?

  • Dieses Thema hat 4 Antworten und 3 Teilnehmer, und wurde zuletzt aktualisiert 3 Wochen zuvor von Thomas.
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#9976

Hallo liebe Forumsmitglieder,

Ich hatte gestern ein ziemlich ernüchterndes Gespräch mit meiner Sachbearbeiterin vom Jobcenter. Ich bin schon mehrere Jahre arbeitslos und habe durch Weiterbildungen versucht meine fachliche Sicherheit zu stärken um dann wieder in den Beruf einzusteigen.

Damals hab ich irgendwann gekündigt weil mein Chef gewechselt hat und der einfach absolut unerträglich war. Sehr cholerisch und narzisstisch. Dieser Mensch war für mich einfach sehr sehr schwierig zu händeln deshalb habe ich nach einem jahr gekündigt, weil es mir psychisch auch immer schlechter ging.

Nun wollte ich gerne über eine berufliche Reha wieder in den Beruf einsteigen, aber die Dame gestern  sagte, dass es vielleicht doch eine zu grosse Belastung für mich sei. Sie hat mir eine Ergotherapie (Arbeitsbelastungserprobung) vorgeschlagen oder eine Tagesstätte. Ich lebe auch im Alltag sehr zurückgezogen und habe schon dort ziemliche Probleme mit sozialen Situationen. Vielleicht hat sie recht und das Thema Arbeit ist noch gar nicht aktuell? Gleichzeitig hab ich schon Druck wieder arbeiten zu gehen. Ich meine ich bin schon so viele Jahre raus.

Wie sieht es bei auch mit Arbeiten aus? Schon alleine die Bewerbungsphase wäre ein starkes Problem. Auch das ankommen in einer neuen Firma. Die Frage ist ob sich das nicht nur verbessert wenn man es versucht.

Was meint ihr? Ich bin wirklich im Moment ratlos und fühle mich so furchtbar.

Klangfarbe

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  • #10600

    Hallo liebe Klangfarbe

    Da sprichst Du ein Thema an, welches wahrscheinlich für viele Menschen mit ÄVPS eine grosse Rolle spielt.

    Ich persönlich war bereits am gleichen Punkt an dem Du jetzt zu sein scheinst.

    Aber von vorne! Ich hatte eigentlich trotz ÄVPS, welche schon in meiner Jugend ein Rolle gespielt hat, einen vielversprechenden Start ins Berufsleben. Ich habe eine solide Grundausbildung abgeschlossen und habe direkt danach den Quereinstieg in die Informatik geschafft.

    Als es mich das erste Mal ganz gründlich „rausgehauen“ hat, war ich etwa Mitte Zwanzig. Bis dahin hatte ich meine Unsicherheit, meine Ängste und meine Einsamkeit wirksam verdrängt. Es waren wohl diese Emotionen, die mich dann in Form einer schweren Depression eingeholt haben.

    Ab diesem Zeitpunkt habe ich eigentlich nur noch gekämpft um im Arbeitsleben wieder Fuss zu fassen. Wie Du, habe ich viele Weiterbildungen gemacht. Jedes Mal habe ich mir erhofft, dass mir das die Sicherheit und das Selbstvertrauen gibt, mich endlich für eine Stelle zu bewerben, die zu meinen Fähigkeiten passt.

    Geklappt hat das nie. Stattdessen ging’s immer weiter runter. Bis zu dem Punkt, an dem Arbeiten gar kein Thema mehr war, sondern es eigentlich nur noch um Beschäftigung ging.

    Ich habe auch sehr unter dem Druck von Jobcenter und/oder Sozialdienst gelitten. Diese Institutionen habe ich generell als wenig hilfreich erlebt. Das Hauptziel dieser „staatlichen Überlebenshilfen“ ist ja nun leider auch nicht, Klienten dabei zu unterstützen gesund zu werden und zu bleiben. Das erklärte Ziel dieser Institutionen, ist es den Klienten „aus dem Budget zu haben“, also dafür zu sorgen, dass dieser sich seinen Lebensunterhalt wieder selber erwirtschaftet.

    Mich hat man an allen möglichen „Integrationsprogrammen“ und „Arbeitstrainings“ teilnehmen lassen. Gebracht haben die nie wirklich etwas, weil man auch da meine psychischen Probleme vollkommen aussen vorgelassen hat. Obwohl in diesen „arbeitsmarktlichen Massnahmen“ durchaus Personal arbeitet, welches durch seine Ausbildung (Arbeitsagogen, Sozialarbeiter) eigentlich in der Lage wäre, den Faktor „Persönlichkeitsstörung“ mit einzubeziehen.

    Typisch ÄVPS (?), habe ich also mehr als einmal versucht, mir selber zu helfen. Ich habe ein Studium angefangen, ich habe zwei weitere Berufsprüfungen abgelegt und eine eigene Firma gegründet.

    Alles sah anfangs recht gut aus, allerdings war auch keines meiner eigenen Projekte langfristig erfolgreich. Warum nicht? Nun, weil ÄVPS eben.

    Heute blicke ich auf zwanzig Jahre berufliches Chaos und in meiner Sichtweise, berufliches Versagen zurück.

    Vor zwei Jahren habe ich endlich eine Teil-Invalidenrente zugesprochen bekommen und wurde so zumindest vom „Müssen“ und dem Existenz- bzw. Überlebenskampf befreit. Ich muss jetzt nicht mehr unbedingt einer Erwerbstätigkeit nachgehen um finanziell gut über die Runden zu kommen.

    Das ist wirklich eine riesengrosse Erleichterung.

    Trotzdem stehe ich gerade aktuell immer noch vor einem ganz ähnlichen Dilemma wie Du: Mit einer Rente habe ich in der Schweiz Anspruch auf einen geschützten Arbeitsplatz.

    Dies ist an und für sich eine gute Sache, hat halt einfach nur den Haken, dass es diese Arbeitsplätze quasi nur für Menschen gibt, die keinerlei berufliche Fähigkeiten erwerben konnten. Es handelt sich dabei praktisch immer um ganz niederschwellige (Hand-) Arbeiten.

    Ich habe auch das bereits gemacht und es war anfangs vollkommen in Ordnung. Es hat auf jeden Fall dazu geführt, dass ich mich insgesamt besser gefühlt habe und die ÄVPS-Symptome schwächer wurden. Mit mehr Selbstwertgefühl kam bei dann aber auch umgehend der Wunsch, beruflich etwas zu machen, was meinen Fähigkeiten etwas mehr entspricht.

    Theoretisch hätte ich sehr wohl die Möglichkeit, auch im normalen Arbeitsmarkt einen entsprechenden Job zu finden (an Qualifikationen mangelt es bei mir nicht).

    Ich habe mir gerade die Tage wieder extrem viele Gedanken dazu gemacht, weil mir ein Job als Lehrkraft angeboten wurde und ich gleichzeitig gerade mit einem Unternehmen in Kontakt stehe, für einen (auf mich angepassten) geschützten Arbeitsplatz.

    Es war für mich schon sehr verlockend, den normalen Job zu wählen. Ich würde sehr gerne als Lehrerin arbeiten. Ich glaube auch durchaus, dass ich das könnte. Aber ich habe schlicht zu viel Angst.

    Angst, dass es wieder mal ein Jahr lang gut läuft und dann passiert wieder irgendwas in der Art wie Du es beschreibst: Der Chef wechselt und plötzlich sehe ich mich wieder mit einer Persönlichkeit konfrontiert, gegen die ich mit meiner sensiblen Persönlichkeit einfach nicht ankomme. Oder irgendwas anderes in der Art.

    Und nein, ich glaube nicht, dass ich mich erfolgreich wehren könnte. Ich gehe vollkommen Schemata-gerecht davon aus, dass ich auf jeden Fall den Kürzeren ziehen werde.

    Mir ist das Risiko zu gross. Normaler Job gestrichen. Nächsten Dienstag Schnuppern für einen geschützten Arbeitsplatz. So sieht’s aktuell aus.

    Hoffe, ich war jetzt nicht allzu wirr und all zu lang. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung mit Arbeit und ÄVPS möchte ich Dir und allen anderen Betroffenen jedoch einen Rat mitgeben:

    Suche Dir unbedingt ein gutes Support-Team aus Fachleuten. Einen guten Therapeuten. Am besten einer, der zum Beispiel auch mit Deinem Hausarzt Kontakt hat und so dafür sorgt, dass Du auch dort gut betreut wirst. Rede mit allen Stellen (Jobcenter, Arbeitstrainings) immer von Anfang an über ÄVPS.

    Wir ÄVPS-Menschen brauchen so absolut dringend jede Unterstützung die wir kriegen können und Fachmenschen oder überhaupt ALLE Menschen, können uns eben nur dann als ÄVPS-Menschen unterstützen, wenn wir offen damit umgehen.

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles Gute. Geschichten wie Deine berühren mich jedes Mal sehr, da ich Deine Situation selber so gut kenne.

    LG, trixi

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

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  • #11491

    Liebe Trixi und liebe andere Mitglieder 🙂

    ich hab jetzt ziemlich lange gebraucht damit ich antworte. Irgendwie ein typisches Verhalten von mir, aber ich danke dir sehr für deine Nachricht und gleichzeitig das Gefühl nicht allein damit zu sein.

    Wie ist dein Schnuppertag im geschützten Arbeitsbereich gelaufen? Ich hoffe du hast eine gute Erfahrung machen können?

    Ich hänge immernoch so in der Luft und kann so gar nicht einschätzen was der nächste und gute Schritt für mich ist. Ich bin es mittlerweile einfach so leid nicht zu funktionieren. Das ich ständig von diesen Ängsten und Sorgen gejagt werde und sie mich oftmals einfach überrennen. Alles richtet sich danach und auch wenn es mal nicht so ist, ist es so verdammt anstrengend.

    Ich habe die letzte Zeit ein paar kleine Erfolge gehabt, sodass ich mich zumindest mal mit meiner Schwester in einen Tierpark getroffen habe oder ich mich mit Freunden von meinem Partner zum Grillen verabredet habe. Einige Termine waren dicht hintereinander und ich bin danach richtig ausgelaugt. Kennt das von euch auch jemand?

    Ich würde gerne privat so viele Dinge ausprobieren. Ich finde japanisches Trommeln oder Bogenschießen sehr toll und doch habe ich es in mehreren Jahren nicht mal geschafft 1x dorthin zu gehen. Ich schaffe es nicht mal in eine reale Selbsthilfegruppe für sozial geängstigte Menschen. Da sind so viele Dinge, die auf der Strecke bleiben das ich manchmal denke, dass Arbeit vielleicht tatsächlich noch kein aktuelles Thema sein kann weil es noch so viele andere Baustellen gibt. Und auf der anderen Seite denke ich, dass es auch Halt geben kann. Ein soziales Umfeld und vielleicht Bestästigung durch die Arbeit die ich leiste.

    Ich bin so durcheinander und irgendwie kann mir ein meine Therapeutin da nicht helfen.

    Wie schafft ihr es, neue Dinge anzugehen? Diese innerliche Hürde zu überwinden und „einfach“ zu machen?

    Liebe Grüße
    Klangfarbe

  • #11518

    Hallo Klangfarbe

    Ich finde es überhaupt nicht schlimm, wenn es beim Antworten manchmal länger dauert. Ich setze mich da auch oft unter Druck. Aber eigentlich gibt es ja kein Verfallsdatum für Forenbeiträge und keiner zählt die Tage zwischen den Beiträgen. Hach… und falls mal jemand wirklich auf eine Antwort oder ein Update wartet, kann man ja auch nachfragen, oder?

    Dass ich heute ziemlich zeitnah antworte liegt daran, dass ich gefühlt sowieso schon die letzten vier Tage ohne Unterbrechung an der Website sitze. Wie dir sicher aufgefallen ist, hat sich an der Seite ein bisschen etwas verändert. Unter anderem teilen wir uns jetzt die Seite mit vier anderen Plattformen für und von Menschen mit psychischer Erkrankung. Das war nicht geplant, sondern eine Notfallübung weil eine der neuen Partnerseiten letzte Woche gehackt wurde. Es war stressig! Und ist es noch. Daher kann ich etwas gemütliches ÄVPS-Forum grad gut brauchen!

    Also zu meinem geschützten Arbeitsplatz. Das verzögert sich alles noch ein wenig. Den ersten Termin Mitte August hat der potentielle Chef glatt vergessen. Eine Woche darauf hatte ich dann noch ein Gespräch mit ihm und der Chefin für die Administration. Ich wäre dann wohl so etwas wie ihre Assistentin. Das Gespräch war gut. Ich hatte mir zuvor ein Foto von der Frau angeschaut und fand sie unsympathisch. Im Gespräch war sie dann allerdings überraschend nett. Ich hoffe, dieser erste Eindruck wird Bestand haben. Bei mir haut nix hin, wenn ich mit den direkten Vorgesetzten nicht klar komme.

    Schnuppertage sind jetzt vereinbart ab 13.9. , Arbeitsbeginn wäre 15.9. (sofern ich den Vertrag unterschreibe). Im Moment versuche ich nicht allzu oft darüber nachzudenken. Wird schon gut kommen. Und falls nicht, werde ich mich wehren (soweit zumindest mein Plan).

    Immerhin ein Plan, oder?

    Dafür bin ich dankbar, weil das „in der Luft hängen“ kenne ich auch so gut. Ich habe mich tage- und nächtelang mit der Frage gequält, was mein nächster Schritt sein soll und kenne auch diese fiese Welle aus Angst und Zweifel die einfach alles schwimmen unmöglich macht.

    Auch das mit den vielen Dingen, die ich machen möchte und dann doch irgendwie nie anpacke, kenne ich.

    Wie kommt man da raus? Wenn ich darauf nur eine gute Antwort hätte.

    Ich habe es mir angewöhnt, mir wirklich nur Dinge vorzunehmen, bei denen ich ganz sicher bin, dass ich es auch schaffe. So wie mit dem geschützten Arbeitsplatz. Lieber auf Nummer Sicher gehen. Aber ist das wirklich eine Lösung?

    Ich bin allerdings ziemlich überzeugt, dass eines ganz sicher falsch wäre: Nämlich sich selber auch noch dafür zu verachten. Daher probiere ich mich zumindest so zu behandeln, wie ich ein Kleinkind behandeln würde, dass (für einen Erwachsenen) absurde Ängste hat: Mit Verständnis, Liebe und Milde.

    Oder ich personifiziere meine ÄVPS und sage ihr mal so richtig meine Meinung. Das interessiert die zwar herzlich wenig, aber immerhin hab ich dann mal Druck abgebaut. 😉

    LG, trixi

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #14782

    Hallo zusammen, ich bin neu hier und war eigentlich noch nie in solch einem Forum aktiv.

    Ich habe es geschafft nun 53 Jahre alt zu werden, was nicht leicht war. Ich stand diverse Male vor dem Suizid und war auch schon 2mal stationär in einer Psychiatrischen Klinik. Am 29.08.22 ist es wieder soweit, dann werde ich wieder aufgenommen.

    Aber hier soll es ja um mein Berufsleben gehen.

    Nach dem Abitur wusste ich nicht was ich machen sollte. Ich hätte zwar gern einen kaufmännischen Beruf gelernt, aber meine Familie hat mir nahegelegt Verwaltungsbeamter zu werden. Ich habe zwar gesagt, dass ich Kaufmann werden will, habe mich aber nicht getraut gegen den Willen der Familie aufzubegehren.

    Ich habe fast alles an Jobs gehabt was es in einer Kommunalverwaltung so gibt. Ich war immer der zweite Mann, aber immer auch mit Führungsverantwortung. Personalamt, Hauptamt, Ordnungsamt, Immobilienverwaltung etc. Ich glaube ich war immer ein „guter Mitarbeiter“. Ich habe alles gemacht was man von mir wollte. Oft hat es in mir rebelliert. Aber ich hatte nicht den Mut „Nein“ zu sagen. Ohne Vorgesetzten war ich aber nie zu gebrauchen, der mir klar gesagt hat wo es langgehen soll. Ich habe mich nicht getraut eigene Entscheidungen zu treffen.

    Bis ich im Jahr 2010 eine Entscheidung getroffen habe und mich damit mit meinen Vorgesetzten angelegt habe. Das konnte und wollte man sich nicht gefallen lassen. Man hat sich entschlossen mich mit Gewalt aus dem Dienst zu entfernen mit einem an den Haaren herbeigezogenen Vorwurf, ohne Substanz. Man hat mich sogar bei der Staatsanwaltschaft angezeigt. Dieser Vertrauensbruch hat mich völlig aus der Bahn geworfen. Ich war lange dienstunfähig und kann bis heute keine Leitungsfunktion mehr ausüben. Auch nicht bei meinem neuen Dienstherrn, bei dem ich jetzt arbeite. Ich prüfe jetzt Anträge nach Schema F. Selbständiges Denken wird nicht mehr gefordert. Beruflich bin ich gebrochen und warte auf die Pension. Seit 6 Monaten ist meine ÄVPS und schwere Depression anerkannt und ich bin schwerbehindert. Ich kann mit 60 in Pension gehen.

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