Arbeit? Muss das sein?

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Hallo meine Lieben

Ich möchte denen die sich dafür interessieren erzählen, was in meinem Leben gerade so passiert.

Aktuell verbringe ich meine Tage meist allein zuhause. Ich habe zum Glück meinen Partner, mit dem ich täglich reden kann und den ich regelmässig sehe, aber ansonsten kaum soziale Kontakte und kaum Verpflichtungen.

Blick in meine Agenda für diese Woche? Gähnende Leere!

Ich habe mir lange Zeit gewünscht, ich könnte so Leben. Das Arbeitsleben hat mir in meinem Leben meist nicht sonderlich gut getan, weil ich viel zu oft Jobs gemacht habe, für die ich komplett überqualifiziert bin. Langeweile bis hin zum „Boreout“ war ein grosses, berufliches Problem für mich.

Das andere war, wenig überraschend, der Umgang mit Vorgesetzten und Kollegen. Wenn es auf sozialer Ebene am Arbeitsplatz schwierig oder gar unfair wurde, habe ich nie für mich gekämpft. Ich bin den Konflikten einfach ausgewichen indem ich krank wurde (Depressionen) oder mich davongeschlichen habe (= gekündigt habe).

Ich war also überglücklich, dass ich vor zwei Jahren eine Teilrente zugesprochen bekommen habe. Die direkte Konsequenz davon, ist dass ich jetzt auch dann Anrecht auf finanzielle Unterstützung auf einem menschenwürdigen Niveau habe, wenn ich nicht arbeite.

Ich könnte jetzt also problemlos auf alle Ewigkeit in meiner kleinen hübschen Wohnung verschwinden. Es steht mir aktuell vollkommen frei, diese alte Lady zu werden, deren sterbliche Überreste wochenlang in der Wohnung liegen, bevor jemandem etwas auffällt (der Gestank wahrscheinlich, und nicht etwa, dass die alte Lady seit Wochen nicht mehr gesehen wurde).Â

Oder ich sorge dafür, dass meine Lebensgeschichte einen anderen Verlauf nimmt.

Dafür brauche ich ein soziales Umfeld und muss irgendwo dazugehören. Ich weiss genug über mich und meine Psyche, dass mir vollkommen klar ist, dass das Problem -> raus in die Welt gehen, mit Menschen in Kontakt kommen, dazugehören, etwas wagen, für seine Bedürfnisse, Rechte und Leidenschaften eintreten, auffallen -> auch die Lösung ist.

Der Weg raus führt bei ÄVPS wohl zwangsweise mitten durch das Tal unserer schlimmsten Befürchtungen und Ängste.

Ich weiss also, ich muss etwas tun. Ich brauche einen Job. Nicht wegen dem Geld oder weil irgendwelche Behörden fordern, dass ich mich um Arbeit bemühen muss. Sondern wegen mir und wegen ÄVPS. Wenn ich diese fiese psychische Störung jemals beherrschen will, dann brauche ich eine Arbeit.

Klar ist aber auch, dass es nicht irgendeine Arbeit oder irgendein Job sein kann. Es muss zu mir, meiner Persönlichkeit, meiner Störung, meiner Erfahrung und meinen Fähigkeiten passen.

Ich bin also gerade auf Jobsuche (obwohl es SINNsuche eigentlich viel besser trifft).

Da ich eine Teilrente habe, kann ich auch einen geschützten Arbeitsplatz haben. Dort bekommt ein Unternehmen monatlich vom Staat 2300.00 CHF um mir einen Stundenlohn von 3.30 CHF dafür zu zahlen, dass ich Pappkartons falte. Alle Stellen dieser Art laufen darauf hinaus, dass man Behinderte für Arbeiten einsetzt, für die es sich nicht lohnt eine Maschine zu konstruieren, die das viel schneller und besser kann.

Ich meine das nicht abschätzig, für viele behinderte Menschen ist es sicher eine gute Sache, dass es solche Arbeitsplätze gibt. Auf Seiten der Unternehmen ist es sicher auch gerechtfertigt, dass ein Arbeitgeber vom Staat finanziell dafür entschädigt wird, dass er zum Beispiel Menschen mit schweren Intelligenzminderungen beschäftigt. Es ist nachvollziehbar, dass der Betreuungsaufwand für das Unternehmen dort ins Gewicht fällt.

Bei Menschen mit ÄVPS ist das aber anders. Wir können. Unser Problem ist nicht die Leistungsfähigkeit per se, sondern mehr dass wir manchmal glauben, nicht zu können.

Daher habe ich beschlossen, dass ich etwas wage und einmal im Leben mein MAUL AUFMACHE.

Konkret heisst das, dass ich mir Unterstützung vom Sozialdienst der psychiatrischen Klinik geholt habe. Dort war es mir in einem ersten Schritt schon mal möglich, ganz offen darüber zu reden, was ICH will. Die Gespräche finden im gleichen Gebäude statt, in dem ich auch meine ambulante Therapie habe. Für mich ein vertrauensvoller Ort, an dem meine sozialen Ängste kaum eine Rolle spielen, weil ich weiss, dort bin ich sicher.

Zusammen mit der Sozialarbeiterin ist dieser Plan entstanden:

Sie vereinbart Gesprächstermine mit den Unternehmen in der Region, die geschützte Arbeitsplätze anbieten. Dort gehen wir dann zusammen hin und unterbreiten mein Anliegen. Ich frage also nach einer individuellen Lösung für mich. Einen geschützten Arbeitsplatz, der meinem Intellekt und meinen Fähigkeiten gerecht wird. Eine Aufgabe, die ICH als SINNVOLL und ERFÜLLEND empfinde. Ein Job der mir Spass macht in einem Umfeld, welches meiner Störung und meinen Schwierigkeiten Rechnung trägt.

Gestern hat das erste Gespräch mit einem Unternehmen stattgefunden. Dieser Betrieb ist nur 15 Minuten von meiner Haustüre entfernt und ich habe 2019 schon einmal acht Monate lang in der Montage gearbeitet.

Es hat mir anfangs auch gut gefallen, obwohl ich nur Tätigkeiten wie Muttern auf Schrauben drehen (kein Witz!), Uhrenbändeli in Seidenpapier wickeln (Swatch lässt grüssen) und ähnliches gemacht habe, war’s voll okay. Ich habe keine Berührungsängste wenn es um Menschen mit Behinderung geht. Egal ob körperlich, geistig oder psychisch. Vielleicht weil ich mich im Umgang mit ihnen selber etwas sicherer fühle.

Tatsächlich habe ich dort die einzige Person gefunden, die aktuell tatsächlich so etwas wie eine Freundin geworden ist. Jemand mit dem ich regelmässig Kontakt habe und jemanden, den ich jederzeit anrufen kann. Beim ersten Mal in diesem Unternehmen ist meine Rechnung also schon mehr als aufgegangen: Arbeit = soziale Kontakte.

Leider ist dann passiert, was mir gerade zu typisch für mein Leben vorkommt. Die Chefin ist verrückt geworden. Damit meine ich, dass die Dame plötzlich aus dem Nichts Regeln aufgestellt hat, die überhaupt keinen Sinn gemacht haben. So durfte man zum Beispiel plötzlich bei der Arbeit keine Musik mit Kopfhörer mehr hören oder nicht mehr mit dem Kollegen am gleichen Tisch reden. Stellt euch einfach vor, ihr müsst vier Stunden lang Muttern auf Schrauben drehen und dabei läuft über Lautsprecher der Schlager-Sender den die Chefin mag. Ihr hasst Schlager und seid sehr dankbar für die eine Stunden absoluter Stille in der das scheiss Radio zumindest mal aus ist.

Und was habe ich getan?

Anstatt ihr einfach zu sagen, dass ich solchen Blödsinn nicht mitmache, solange sie dafür keine vernünftigere Begründung hat, habe ich gekündigt.

Ein halbes Jahr nachdem ich weg war (zuhause am Däumchen drehen, aber immerhin mit guter Musik), hat man ihr gekündigt.

Das Gespräch gestern hat jedoch nicht mit ihrer Nachfolgerin in der Montage stattgefunden (ich will ja eben genau keine Muttern mehr auf Schrauben drehen), sondern direkt ganz oben in der Führungsetage. Sozialdienst von der Klinik macht sowas möglich!

Gestern Mittag habe ich fast gekotzt vor lauter Aufregung… Sorry für die Ausdrucksweise, aber es trifft es nun mal auf den Punkt. Mir geht das immer so: Vor wichtigen Terminen wird mir regelmässig übel vor lauter Angst. Je näher der Termin effektiv kommt, desto ruhiger werden ich.

Als ich zehn Minuten vor dem Termin vor dem Gebäude des Unternehmens meine liebe Sozialarbeiterin getroffen hatte, war ich vollkommen ruhig. Nicht entspannt. Mehr so, als hätte ich einfach alle Emotionen ganz weiter runter reguliert. Ich beobachte das an mir selber immer wieder mit Irritation und Faszination gleichzeitig.

Das Gespräch war gut. Mein Ziel habe ich erreicht. Der Oberchef denkt nach. Er hatte nicht sofort ein Angebot parat, aber er denkt über mich und die Möglichkeiten in seinem Unternehmen nach. Er bespricht das mit seinen Abteilungsleitern. -> Wuaaah…. ja, heute reden die alle über mich -> Besser ich denke da nicht dran.

Wir sind so verblieben, dass ich ab 16. August für eine Woche halbtags schnuppere. Dann werde ich erfahren, was die Möglichkeiten sind. Und ich werde erneut vor der grossen Aufgabe stehen, mich nur auf etwas einzulassen, hinter dem ich 100% stehen kann.

Das betrifft das „Was“, also die eigentliche Arbeit oder Aufgabe und das „Wie“, also zu welchen Konditionen und Bedingungen.

Ich hoffe, dass es mir gelingen wird mich durchzusetzen. Kompromisse fallen mir meist bedeutend leichter. Dummerweise sind es dann eben auch faule Kompromisse.

Daher bin ich wirklich sehr dankbar für die Rückendeckung von der Klinik. Die Sozialarbeiterin hatte gestern beim Gespräch absolut gar nichts zu tun. Sie hat am Anfang und am Schluss kurz etwas gesagt, mehr war gar nicht nötig.

Trotzdem war es wirklich wirklich gut, dass sie dabei war. Warum? Weil sie mir NACH dem Gespräch eine so positive und liebe Rückmeldung gegeben hat, dass ich heute kaum in Versuchung gerate mich für jeden meiner Sätze zu schämen oder mich zu fragen, ob ich was anderes hätte sagen sollen… Mich zu ärgern, weil ich an jener Stelle nicht Paroli geboten habe. Mich zu fragen, was der Gesprächspartner jetzt wohl von mir hält oder ob der mich gemocht hat. Ich bin sicher, ihr kennt das!

So, ich verbringe jetzt meinen Tag in meinem widersprüchlichen Emotionssalat von Hoffnung über Angst nach Stolz bis zu Scham entspannt auf meinem Balkon beim Kaffee trinken, Rauchen und die neusten Folgen meiner Lieblingspodcasts zu hören.

Liebe Grüsse dahin, wo auch immer ihr gerade seid!
trixi

Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

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  • #10594

    Hallo, Trixi,

    sei stolz auf dich!

    Du hättest es leicht haben können, aber du hast dich aufgemacht, obwohl du weiss,  dass es für dich nur durch das Tal der Ängste gehen wird. Leider geht es für uns ÄvPSler immer nur den schweren Weg, bevor es besser wird. Die Ängste sind da, aber du vermeidest die Situation trotzdem nicht.

    Alles Gute für dich und dass es eine tolle Lösung für dich geben wird!

    Susan

  • #10596

    trixi ich habe auch eine ganze Weile in einer Behindertenwerkstatt gearbeitet und es war zumindest für mich ein Kompromiss und ich konnte dort arbeiten,ohne komplett über meine Grenzen gehen zu müssen und ich hatte sogar eine recht abwechslungsreiche Beschäftigung,da ich sehr gut war(perfektionistisch) 😉 und sie mir so auch recht viele Aufgaben anvertraut haben. Ich war in einer Tischlerei,mit Sägen,Bohren,Malen u.v.m. ich habe mir vieles zugetraut,was ich woanders niemals getan hätte 😨 aber leider konnte ich auch dort nie richtig frei sein,ich hatte trotz allem immer Angst etwas falsch zu machen und dadurch abgelehnt zu werden und so habe ich auch da vermieden,was mir aber viel später erst aufgefallen ist. So richtig verstanden hat man mich dort nicht,denn ich galt dort als ein Mensch,der immer freundlich,glücklich,entspannt und alles konnte und keine Probleme gemacht hatte und auch keine Probleme hatte 🙃 . Als ich dann erzählt habe,dass ich die Gewissheit brauche,Fehler machen zu dürfen,hat es niemand verstehen können und dann kamen dann auch wieder viele Zweifel,Ängste usw. Zum Schluss musste ich allerdings sowieso aufhören,da ich auch noch körperliche Probleme bekommen habe und dann eben aufhören musste. Ich war dann ganz froh aufgehört zu haben,denn entspannter ist es so,allerdings fehlt mir natürlich auch etwas sinnvolles zu tun. Ich pass jetzt auf Hunde auf,wenn die Besitzer keine Zeit haben und ich habe unglaublich viele Hobbys aber ich würde gerne etwas tun,was zu mir passt und ich würde gerne Geld verdienen wollen. Allerdings geht es mit der ÄVPS so schwer.

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