Als ÄVPS-Betroffener unbewusst manipulieren

  • Dieses Thema hat 16 Antworten und 6 Teilnehmer, und wurde zuletzt aktualisiert 1 Jahr zuvor von Trixi.

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#9896

Hallo zusammen,

Das Forum kommt wie gerufen für mich. Ich bin 37 J. alt. Ich bin schon seit meiner Kindheit ein sehr schüchterner zurückhaltender Mensch. Ich hatte immer Probleme mit meinen Mitschülern und war immer ein Mobbingopfer. Mir wurde als Kind immer alles abgenommen und ich musste nie selbst was in die Hand nehmen und Entscheidungen treffen. Ich war schon als Kind der Meinung, dass ich anders bin. Ich bin nie von mir aus auf Andere zugegangen. Ich habe einen guten Job als Sachbearbeiter bei einer Versicherung und fühle mich auch ganz wohl dort. Ich habe aber immer das Problem, sobald ich Kritik bekomme, fange ich an zu weinen, falle innerlich richtig zusammen und brauche Tage um mich davon zu beruhigen. Ich setze mir immer zu viele Ziele und setze dann letztendlich wenige um, weil es zu viele sind und mich die Zielvorgabe lähmt. Letztendlich ist es sogar soweit gekommen, dass ich unbewusst angefangen habe mein Umfeld anzulügen, weil ich mit der direkten Art aus meinem Umfeld manchmal nicht umgehen kann. Unbewusst habe ich in der Vergangenheit immer mein Umfeld manipuliert, was ich nie wollte. Ich bin mitlerweile in der zweiten Verhaltenstherapie und jetzt erst wurde ÄVPS bei mir diagnostiziert.

Mich würde interessieren, ob Ihr auch Erfahrungen mit so einem Verhalten gemacht habt.

Viele Grüsse

Eure Casimir

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  • #9992
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    Ahoi Casimir

    Was Du von Deiner Kindheit schreibst, ist bei mir erschreckend ähnlich. Auch das mit den vielen Zielen kenne ich nur zu gut.

    Hast Du wegen der Manipulation vielleicht ein Beispiel? Ich versuche Dir zu folgen, aber hab gerade keine Vorstellung, was Du genau meinst.

    Ich denke alle Menschen lügen hin und wieder. Wir spielen unsere Rollen. Ebenso gehört „Manipulation“ im weiteren Sinne, wohl ins Repertoire jedes Menschen. Aber Du sagst ja, es ist unbewusst?

    Ich hab’s grad auch noch mal im Buch von Rainer Sachse (Klärungsorientierte Psychotherapie der selbstunsicheren Persönlichkeitsstörung) nachgeschlagen:

     

    Die Klienten mit selbstunsicherer Persönlichkeitsstörung sind von allen Persönlichkeitsstörungen am wenigsten manipulativ. Dies liegt an der hohen Ich-Dystonie: die Klienten übernehmen relativ viel Verantwortung für ihre Probleme selbst. Andererseits liegt es aber wahrscheinlich auch daran, dass man bei dieser Störung nicht viel Manipulation entwickeln kann: denn Manipulation erzeugt immer Aufmerksamkeit und genau das wollen die Klienten möglichst vermeiden. Zudem erfordern Manipulation Nähe und Beziehung und gerade das weisen Klienten nicht auf. (Seite 24, in der Printausgabe von 2004)

    Vielleicht meinst Du etwas anderes? Bin neugierig auf mehr dazu!

    Übrigens interessant, dass Du sagst, dass Du mit der direkten Art aus Deinem Umfeld schlecht umgehen kannst. Das kenne ich genau umgekehrt! Ich kann mit dieser indirekten Art meiner Mitmenschen schlecht umgehen. Indirekte Ansprachen lassen in meinen Kopf so grausam viel Spielraum dafür, was der andere denn nun eigentlich sagen wollte.

    LG, trixi

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #9996
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    Hallo Trixi,

    Vielen Dank für Deine Antwort. Ich meine mit Lügen z.B. Ausreden erfinden, weshalb ich bestimmte Sachen nicht machen kann. Oder sich unbewusst hinter der Diagnose ÄVPS verstecken, weshalb man bestimmte Sachen nicht machen kann oder machen möchte.

    Das mit dem unbewussten Lügen bzw. manipulieren ist mir leider bei meiner Familie passiert und jetzt habe ich das Vertrauen meiner Familie leider sehr stark strapaziert.

    Viele Grüsse

    Eure Casimir

     

  • #9999
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    Hallo Casimir,

    sind es den wirklich Ausreden? Manchmal ist ÄvPS nämlich tatsächlich ein guter Grund.

    Zum Beispiel dann, wenn man seinem besten (und einzigen) Freund zum vierhundersten Mal erklären muss, warum es nicht reicht, sich vorzunehmen auf dem dummen Weihnachtsessen einfach Spass zu haben. Ich habe ÄvPS, Parties sind Stress. Ausrede oder Grund?

    Gruss

  • #10000
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    Hallo Cereal Killer,

    Danke für Deine Antwort. Oftmals ist es auch so, dass ich manchmal nicht zugeben möchte, dass ich manche Sachen nicht kann oder Stress für mich bedeuten, weil es für mich eine Schwäche bedeutet und dann fange ich an zu lügen.

    Und das stört mich dann selber, aber ich kann es oft auch nicht ändern bzw. weiss auch nicht wie.

    Viele Grüsse

    Eure Casimir

     

  • #10002
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    Mir ist zum Thema ÄVPS und Lügen ist mir noch etwas durch den Kopf gegangen!

    Ich habe jahrelang Freunde erfunden. Egal wo ich war, ich hab immer so getan, als ob wäre ich nur gerade hier die Aussenseiterin (und zwar weil ich das will, und nicht etwa, weil die mich nicht wollen). Meine angeblichen Freunde waren halt immer nur gerade woanders.

    Heute ist mir klar, dass ich damit mir selbst die allergrösste Lüge aufgetischt habe.

    Auch mir ging es dabei in erster Linie darum, dass ich nicht zugeben konnte, dass ich mir sehnlichst so etwas wie ein Freundeskreis wünsche. Aber es war mir so peinlich, dass ich lieber Lügengeschichten erfunden habe.

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #10004
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    Hallo Casimir,

    das mit dem Lügen kenne ich nur zu gut. Manche Lügen (meine Oma würde jetzt liebevoll Notlügen dazu sagen, weil sie ja dem Selbstschutz dienen – wirklich, meine Oma in allen Ehren an der Stelle, ich finde sie da äußerst sanft) habe ich über Jahre hinweg aufrecht erhalten. Z.B. habe ich meine Ausbildung abgebrochen, dann ein Studium begonnen und abgebrochen. Beides abgebrochen wegen meiner psychischen Probleme (plus dazu mitten in einer missbräuchlichen Beziehung). Bei meiner Ausbildung habe ich schon gelogen, dass ich abgebrochen habe, weil ich lieber studieren möchte. Aber immerhin wusste man, dass ich das abgebrochen habe. Als ich dann auch das Studium abgebrochen habe, bzw. schon als es an fing wieder in die selbe Richtung zu gehen, habe ich dort mein wohl bis heute größtes Lügenkonstrukt aufgebaut – aus Scham und Angst. Ich hatte solche Angst, dass man mich dafür verurteilt. Wie könnten das andere auch nicht, wenn ich es doch selbst so sehr tat? Ich habe Kurse, Mitstudenten, Prüfungen und was weiß ich nicht alles erfunden. Und je tiefer ich da drin steckte, desto mehr begann ich mich zurück zu ziehen. Also, noch mehr als eh. Und, war ja auch nicht der einzige Bereich, wo ich aus Angst zurückgewiesen zu werden, gelogen haben. Je mehr lügen, desto mehr Scham, desto mehr Rückzug. Ich lüge nicht gerne, ich verurteile mich dafür, weil ich ja rein objektiv weiß, dass ich es nicht tun bräuchte. Also, in den meisten Fällen. Das Auflösen meiner „Selbstschutzlügen“ hat sich jedes Mal angefühlt wie ein Gang zum Scheiterhaufen. Die Reaktionen waren durchwachsen – niemand wird gerne angelogen.

    Ich beschreibe das immer gerne so; „Ich möchte nicht gesehen werden“, also, meine wahren Gedanken und Gefühle. Und über die Zeit – grade durch die Beziehung – hat sich Lügen als bewährtes Muster eingeschliffen, da in der Beziehung ein Rückzug nicht möglich war. Zumindest für mich „damals“ (so lange ist das Ende noch nicht her).

    Ich persönlich empfinde das wie meine Oma – Notlügen unterscheiden sich von Lügen, die man erzählt, um jemanden zu etwas zu bringen. Ich verstehe deine Angst an der Stelle. Mir fällt es schwer z.B. zu unterscheiden, wann ich „vermeide“ (also, Ausrede) oder wann etwas ein legitimer Grund ist. Ich hatte auch mal eine Zeit, wo ich geglaubt habe, dass alles was ich tue hochgradig manipulativ ist. Immerhin wurde mir das in meiner Beziehung immer wieder gesagt. Doch, ja, ich bleibe da bei dem, was meine Oma sagt: Es sind Notlügen, die nicht aus bösen Absichten heraus erzählt werden oder dem Zweck dienen, sich selbst zu bereichern (in welcher Form auch immer)

    Liebe Grüße

    Vaira

  • #10005
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    hallo zusammen, ausreden, notlügen, freunde erfinden… kenne ich alles und das sind noch meine weniger schlimmen lügen.

    ich habe mal einen mann glauben lassen, ich sei nach einem one night stand schwanger. natürlich war es für ihn ein one night stand, ich hatte mir so viel mehr davon erhofft. es hat weh getan, erneut abgelehnt zu werden und ich hatte irgendwie die idee, dass er sich vielleicht doch noch entschliessen würde, sich in mich zu verlieben. was vollkommen idiotisch war. es verging keine woche, bis ich realisiert habe, wie viel zu weit ich gegangen war. nicht nur hat er sich vollkommen korrekt verhalten, sondern er freundete sich sogar mit dem gedanken an, vater zu werden. und ich hatte tatsächlich noch die unverfrorenheit, mich rauszumogeln in dem ich behauptete eine fehlgeburt gehabt zu haben. und ja, ich schäme mich bis heute zutiefst!

  • #10034
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    Hallo Trixie, das habe ich auch schon gemacht….weil es mir auch immer todespeinlich ist, so zu leben wie ich es tue.

     

  • #10035
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    Hallo Vaira, finde ich nicht manipulativen, ehrlich gesagt. Ich finde meine Notlügen auch nicht toll, würde aber, bis auf zwei Menschen, auch niemals jemandem erzählen, dass ich heute zum Beispiel alleine an Silvester bin und das schon die meiste Zeit meines Lebens. Würde man das erzählen, könnte einem das ja auch als manipulativen ausgelegt werden…

  • #10036
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    Sollte natürlich manipulativ heißen… Drecksautokorrektur 😉

     

  • #10039
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    Hallo Barbara,

    jetzt war ich eben kurz verwirrt und musste meinen Beitrag selbst nochmal lesen. So richtig klar habe ich das nicht formuliert. Ich neige dazu, sehr viel drum herum zu erzählen und dann den Punkt, auf den ich eigentlich hinaus möchte, zu vergessen.

    Ich stimme dir da voll und ganz zu. Manipulative Absichten haben diese Notlügen nicht. Schämen tue ich mich für sie trotzdem. Bei jedem anderen habe ich dafür vollstes Verständnis – ich kann ja gut nachempfinden, warum man solche Lügen erzählt.

  • #10041
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    Hallo Vaira,

    ich finde meine Lügen auch nicht toll. So ist das nicht. Aber bis auf zwei Menschen, jetzt mal abgesehen von meiner Therapeutin, würde ich niemals zugeben, Silvester alleine zu sein. Jetzt nur ein Beispiel von vielen.
    Ich versuche halt, das Thema Silvester zu umgehen und wenn es gar nicht geht, weil ich direkt gefragt werde, dann lüge ich schon.
    Dafür schäme ich mich nicht. Ich schäme mich eher dafür, so wenige Kontakte zu haben.
    Aber ich kann Dich durchaus verstehen. Lügen ist Mist und ich versuche eigentlich auch, mal von diesen Notlügen abgesehen, sonst ehrlich zu sein.

    LG, Barbara.

  • #10054
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    Veröffentlicht von: vaira

    So richtig klar habe ich das nicht formuliert. Ich neige dazu, sehr viel drum herum zu erzählen und dann den Punkt, auf den ich eigentlich hinaus möchte, zu vergessen.

    Find ich super! Dann bin ich zumindest nicht die einzige, der das hin und wieder passiert. Ich mag herausfordernde Gedankengänge und Deinen zu folgen liest sich gut für mich. Punkte kann man auch nachreichen, wenn man hinterher feststellt, dass man den vergessen hat! 😉

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #10056
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    Hallo zusammen,

    Danke für Eure Erfahrungen. Es ist für mich nur echt heftig, weil ich damit meine Familie verletze und das passiert alles unabsichtlich. Die Folge ist, dass ich noch mehr an mir zweifel und mich noch mehr zurück ziehe. Das ist echt ein übler Teufelskreis. Aber zumindest weiß ich jetzt durch das Forum hier, dass ich damit nicht allein bin bzw. dass es nicht nur mir so geht.

    LG Eure Casimir

  • #10058
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    Veröffentlicht von: @trixi

    Mir ist zum Thema ÄvPS und Lügen ist mir noch etwas durch den Kopf gegangen!

    Ich habe jahrelang Freunde erfunden. Egal wo ich war, ich hab immer so getan, als ob wäre ich nur gerade hier die Aussenseiterin (und zwar weil ich das will, und nicht etwa, weil die mich nicht wollen). Meine angeblichen Freunde waren halt immer nur gerade woanders.

    Heute ist mir klar, dass ich damit mir selbst die allergrösste Lüge aufgetischt habe.

    Auch mir ging es dabei in erster Linie darum, dass ich nicht zugeben konnte, dass ich mir sehnlichst so etwas wie ein Freundeskreis wünsche. Aber es war mir so peinlich, dass ich lieber Lügengeschichten erfunden habe.

    Hallo Trixi,

    Machst Du das heute dann nicht mehr? Wie hast Du das überwunden bzw. wie machst Du das heute?

    Viele Grüße Casimir

  • #10060
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    Ich habe irgendwann angefangen, meine Lügen gegenüber Menschen die mir wichtig sind, zu gestehen. Ich hatte vielleicht Glück, aber ich habe damit sehr heilende Erfahrungen gemacht.

    Wenn ich heute neue Menschen kennenlerne und mich mit ihnen wohl fühle, dann erzähle ich einfach von Anfang an die Wahrheit. Ich sage, dass ich nur wenige soziale Kontakte habe und mich damit schwer tue. Ich sage nicht immer gleich „ÄvPS“, sondern auch schon mal die andere Wahrheit: „Ich hatte ein turbulentes Leben, bin oft umgezogen und daher heute reicht allein“, ist auch wahr.

    Nachdem „Geständnis“, habe ich keinen Grund mehr, irgendetwas zu erfinden. Das läuft recht gut so für mich.

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

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