„Gesehen werden“ und Panik – Angst vor Ablehnung

  • Dieses Thema hat 5 Antworten und 5 Teilnehmer, und wurde zuletzt aktualisiert 1 Jahr zuvor von Hörnchen.

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#9941

So, dann starte ich doch auch Mal ein Thema. Ob das konkret im Zusammenhang mit ÄVPS steht, weiss ich ehrlich gesagt nicht. Also dachte ich mir, ich thematisiere es hier mal, vielleicht kennen andere das ja auch (und ja, ich muss mich im Vorfeld erklären).

Das „Gesehen werden“ ist für mich schon immer problematisch. Wenn ich gesehen wurde, war das immer auf eine Art und Weise schmerzhaft oder unangenehm. Und hierbei geht es um so ziemlich alles, was mich wohl ausmachen soll. Was mir Freude bereitet, was ich mag,… Habe ich mich in meiner Kindheit übermässig über ein Geschenk gefreut, wurde sich über meine Freude lustig gemacht.

Ich habe mit 7 oder 8 so ein Polly-Pocket-Plastik-Haus zu Weihnachten bekommen und habe mich tierisch gefreut. Diese Geschichte wird bis heute auf den Tisch geholt, und es fühlt sich immer so an, als ob man sich über mich lustig macht. Mich heute so nach aussen über etwas freuen? Unmöglich.

Mir fällt es schwer, mitzuteilen, was ich mag (und wenn es nur um mein Lieblingsessen geht), aus Angst, dass das falsch ist, und folglich, dass ich falsch bin.

Ich male eigentlich gerne, aber nichts künstlerisch anspruchsvolles. Früher war das wie Verarbeiten, wonach mir so war. Ich kann auch relativ gut malen, aber schon immer phasenweise nicht. Auch das verstecke ich, mittlerweile gestehe ich mir das alleine kaum zu, denn es könnte ja jemand meine Bilder sehen und darüber – über mich – urteilen.

Das Gedankenspiel, jemanden so weit rein zu lassen und mich zu zeigen, versetzt mich mittlerweile in einen Panikzustand und dann in eine Schockstarre.

Je dichter ich an meinem Zuhause bin, desto mehr meide ich es, mich draussen aufzuhalten.

Letzte Woche habe ich eine neue Bluse gekauft, weil ich Blusen liebe und nur eine besitze. Jetzt ist die beim Waschen etwas eingelaufen, meistens ja doch normal. Aber die sitzt jetzt an den Schultern strammer. Das Gefühl hat eine ordentlich Panikattacke ausgelöst, zum Glück zu Hause. Ich trage zwar grundsätzlich lieber Kleidung, die nicht schlabbert, aber das war nicht auszuhalten. Als ob ich…weiss ich nicht…mich dadurch zu viel zeige, dass ich mich nicht verstecken kann.

Kennt ihr sowas, oder ähnliches? Geht ja nun doch um ein paar verschiedene Sachen. Hauptsächlich ging es mir jetzt darum, dass Panik durch „Gesehen werden“ ausgelöst wird?

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  • #10395
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    Interessantes Thema! Ich kenne das „unsichtbar machen“ gut und offenbar kann ich es auch gut. Eindringlich in Erinnerung geblieben ist mir ein Erlebnis aus der Klinik. Nachdem ich dort rund zwei Monate Patientin war, hatte ich ein Gespräch mit meiner Betreuungsperson aus dem Pflegeteam und er meinte, er sei an der letzten Teamsitzung ein bisschen in Verlegenheit geraten wegen mir. Offenbar war es in diesem Team üblich, dass im Wechsel alle Pfleger etwas über ihre Schützlinge erzählen. Nun war er dran und hat festgestellt, dass er über mich eigentlich gar nichts sagen kann, weil er mich im Klinik-Alltag so überhaupt nicht wahrnehme. Nun… ich war da und habe es nicht darauf angelegt, unsichtbar zu bleiben, musste aber auch eingestehen, dass mir das so eigentlich recht angenehm war.

    ABER! Gleichzeitig beklage ich mich dann schon mal gerne, dass ich übersehen werde, vergessen werde, man mich nicht wahr nimmt. Mir geht es genau gleich: Gesehen zu werden ist für mich gleich bedeutend wie taxiert und kritisiert zu werden. Es erscheint mir wie ein Naturgesetz, dass mit der Aufmerksamkeit auch immer Spott, Abwertung, Niedertracht, Kritik und Ärger kommt. Dabei bin ich mir sicher, dass es der ganz grossen Mehrheit der Menschen vollkommen egal ist, ob meine Hose eigentlich zu kurz ist (oder was ähnlich banales). Allen egal zu sein ist dann allerdings auch wieder schmerzhaft. Ein Thema voller Widersprüche.

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

  • #10396
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    Auch mir geht es ähnlich. Wenn ich im Mittelpunkt stehe, fühle ich mich extrem unwohl und habe das Gefühl, dass alle meine „Fehler“ offen sichtbar für alle sind. Dann fehlen mir die Worte und ich werde immer unsicherer, es sei denn, ich konnte mich genau auf diese Situation vorbereiten und habe ein ausformuliertes Skript in der Hand. Sonst kann ich plötzlich nicht mehr denken, fange an zu zittern, werde rot und bin nur froh, wenn diese Situation beendet wird, egal wie. Hinterher ärgere ich mich über meine Reaktion, weil ich vorher nicht alle Möglichkeiten komplett durchdacht habe. Das ist aber gar nicht möglich. Im beruflichen Umfeld geht es nicht immer, aber im Privaten vermeide ich alles, wo ich auffallen könnte. Ich hasse zum Beispiel tanzen, weil ich da immer sofort in Panik ausbreche, weil ich die ganze Zeit angestarrt werde. Das sehe ich zumindest so.

    Wie Trixi fühle ich mich aber gleichzeitig nicht dazugehörig und bin traurig darüber, übersehen oder nicht beachtet  zu werden. Das führt zu noch weniger Kontakten, weil ich mich dann noch eher zurückziehen.

    Ich möchte mittendrin sein, aber nicht im Mittelpunkt. Das ist wirklich ein Widerspruch, der mir das Leben sehr schwer macht.

  • #10410
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    Veröffentlicht von: @vaira

    Je dichter ich an meinem Zuhause bin, desto mehr meide ich es, mich draussen aufzuhalten.

    Ich wasche teilweise meine Kleider über Wochen nicht, weil es mir so unangenehm ist, wenn ich den Nachbarn aus meinem Mehrfamilienhaus in der Waschküche begegne. Erst recht, weil das da unten ein regelrechter Kriegsschauplatz ist: Den einen ist es nicht sauber genug, andere meckern weil sich Leute die offensichtlich nicht arbeiten, rausnehmen, auch mal am Abend und am Wochenende zu waschen… es gibt so viele ungeschriebene Regeln, dass ich die Waschküche am liebsten gar nicht mehr benutzen würde.

  • #10419
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    Bei mir wird der Widerspruch zwischen dem Wunsch, nicht gesehen zu werden und der Angst übersehen zu werden auf den Haaren ausgetragen. Ich färbe meine seit Jahren rosa. Eine Farbe die zwar mittlerweile häufiger gesehen wird, aber halt immer noch auffällig. Wenn’s mir zuviel wird – und das kommt regelmässig vor – dann verstecke ich meine Haare unter einem Hut oder Tuch. Ich wurde auch schon darauf angesprochen und habe keine wirklich gute Antwort auf die Frage, warum ich so eine auffällige Haarfarbe wähle nur um dann die Haare zu verstecken. Gesehen werden ist halt immer mit einem grossen Risiko verbunden, oder?

    Ich habe eine selbstunsichere PS mit emotional instabilen Mustern. Sprich, mein Leben ist einsam und chaotisch.

  • #10423
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    Mit so auffälligen Haaren herumlaufen, würde ich mich nicht trauen. Da hätte ich Angst, dass mir jemand sagt, das sähe blöd aus. Ich kleide mich auch unbewusst so, dass ich nicht auffalle. Ich muss mir wirklich vornehmen, mal etwas anderes anzuziehen und das länger durchdenken. Dann kann ich mich sogar zu einem Rock durchringen.

    Im Herbst war ich mal richtig stolz auf mich. Da hatte ich zwei gleiche Paar Schuhe in zwei verschiedenen Farben gekauft. Nun brauchte ich eine Jacke dazu. Weil ich mich nicht entscheiden konnte, in welcher der beiden Farben, habe ich zwei verschiedenfarbige Schuhe angezogen. Zu Beginn fühlte ich mich sehr beobachtet und unwohl, aber später hatte ich mich daran gewöhnt. Eigentlich sollte man sich viel öfter trauen und ich bewundere es, wenn du auffällige Haare hast.

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