Antwort auf: Berufsleben, wie klappt es für euch?

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  • #10600

    Hallo liebe Klangfarbe

    Da sprichst Du ein Thema an, welches wahrscheinlich für viele Menschen mit ÄVPS eine grosse Rolle spielt.

    Ich persönlich war bereits am gleichen Punkt an dem Du jetzt zu sein scheinst.

    Aber von vorne! Ich hatte eigentlich trotz ÄVPS, welche schon in meiner Jugend ein Rolle gespielt hat, einen vielversprechenden Start ins Berufsleben. Ich habe eine solide Grundausbildung abgeschlossen und habe direkt danach den Quereinstieg in die Informatik geschafft.

    Als es mich das erste Mal ganz gründlich „rausgehauen“ hat, war ich etwa Mitte Zwanzig. Bis dahin hatte ich meine Unsicherheit, meine Ängste und meine Einsamkeit wirksam verdrängt. Es waren wohl diese Emotionen, die mich dann in Form einer schweren Depression eingeholt haben.

    Ab diesem Zeitpunkt habe ich eigentlich nur noch gekämpft um im Arbeitsleben wieder Fuss zu fassen. Wie Du, habe ich viele Weiterbildungen gemacht. Jedes Mal habe ich mir erhofft, dass mir das die Sicherheit und das Selbstvertrauen gibt, mich endlich für eine Stelle zu bewerben, die zu meinen Fähigkeiten passt.

    Geklappt hat das nie. Stattdessen ging’s immer weiter runter. Bis zu dem Punkt, an dem Arbeiten gar kein Thema mehr war, sondern es eigentlich nur noch um Beschäftigung ging.

    Ich habe auch sehr unter dem Druck von Jobcenter und/oder Sozialdienst gelitten. Diese Institutionen habe ich generell als wenig hilfreich erlebt. Das Hauptziel dieser „staatlichen Überlebenshilfen“ ist ja nun leider auch nicht, Klienten dabei zu unterstützen gesund zu werden und zu bleiben. Das erklärte Ziel dieser Institutionen, ist es den Klienten „aus dem Budget zu haben“, also dafür zu sorgen, dass dieser sich seinen Lebensunterhalt wieder selber erwirtschaftet.

    Mich hat man an allen möglichen „Integrationsprogrammen“ und „Arbeitstrainings“ teilnehmen lassen. Gebracht haben die nie wirklich etwas, weil man auch da meine psychischen Probleme vollkommen aussen vorgelassen hat. Obwohl in diesen „arbeitsmarktlichen Massnahmen“ durchaus Personal arbeitet, welches durch seine Ausbildung (Arbeitsagogen, Sozialarbeiter) eigentlich in der Lage wäre, den Faktor „Persönlichkeitsstörung“ mit einzubeziehen.

    Typisch ÄVPS (?), habe ich also mehr als einmal versucht, mir selber zu helfen. Ich habe ein Studium angefangen, ich habe zwei weitere Berufsprüfungen abgelegt und eine eigene Firma gegründet.

    Alles sah anfangs recht gut aus, allerdings war auch keines meiner eigenen Projekte langfristig erfolgreich. Warum nicht? Nun, weil ÄVPS eben.

    Heute blicke ich auf zwanzig Jahre berufliches Chaos und in meiner Sichtweise, berufliches Versagen zurück.

    Vor zwei Jahren habe ich endlich eine Teil-Invalidenrente zugesprochen bekommen und wurde so zumindest vom „Müssen“ und dem Existenz- bzw. Überlebenskampf befreit. Ich muss jetzt nicht mehr unbedingt einer Erwerbstätigkeit nachgehen um finanziell gut über die Runden zu kommen.

    Das ist wirklich eine riesengrosse Erleichterung.

    Trotzdem stehe ich gerade aktuell immer noch vor einem ganz ähnlichen Dilemma wie Du: Mit einer Rente habe ich in der Schweiz Anspruch auf einen geschützten Arbeitsplatz.

    Dies ist an und für sich eine gute Sache, hat halt einfach nur den Haken, dass es diese Arbeitsplätze quasi nur für Menschen gibt, die keinerlei berufliche Fähigkeiten erwerben konnten. Es handelt sich dabei praktisch immer um ganz niederschwellige (Hand-) Arbeiten.

    Ich habe auch das bereits gemacht und es war anfangs vollkommen in Ordnung. Es hat auf jeden Fall dazu geführt, dass ich mich insgesamt besser gefühlt habe und die ÄVPS-Symptome schwächer wurden. Mit mehr Selbstwertgefühl kam bei dann aber auch umgehend der Wunsch, beruflich etwas zu machen, was meinen Fähigkeiten etwas mehr entspricht.

    Theoretisch hätte ich sehr wohl die Möglichkeit, auch im normalen Arbeitsmarkt einen entsprechenden Job zu finden (an Qualifikationen mangelt es bei mir nicht).

    Ich habe mir gerade die Tage wieder extrem viele Gedanken dazu gemacht, weil mir ein Job als Lehrkraft angeboten wurde und ich gleichzeitig gerade mit einem Unternehmen in Kontakt stehe, für einen (auf mich angepassten) geschützten Arbeitsplatz.

    Es war für mich schon sehr verlockend, den normalen Job zu wählen. Ich würde sehr gerne als Lehrerin arbeiten. Ich glaube auch durchaus, dass ich das könnte. Aber ich habe schlicht zu viel Angst.

    Angst, dass es wieder mal ein Jahr lang gut läuft und dann passiert wieder irgendwas in der Art wie Du es beschreibst: Der Chef wechselt und plötzlich sehe ich mich wieder mit einer Persönlichkeit konfrontiert, gegen die ich mit meiner sensiblen Persönlichkeit einfach nicht ankomme. Oder irgendwas anderes in der Art.

    Und nein, ich glaube nicht, dass ich mich erfolgreich wehren könnte. Ich gehe vollkommen Schemata-gerecht davon aus, dass ich auf jeden Fall den Kürzeren ziehen werde.

    Mir ist das Risiko zu gross. Normaler Job gestrichen. Nächsten Dienstag Schnuppern für einen geschützten Arbeitsplatz. So sieht’s aktuell aus.

    Hoffe, ich war jetzt nicht allzu wirr und all zu lang. Aufgrund meiner persönlichen Erfahrung mit Arbeit und ÄVPS möchte ich Dir und allen anderen Betroffenen jedoch einen Rat mitgeben:

    Suche Dir unbedingt ein gutes Support-Team aus Fachleuten. Einen guten Therapeuten. Am besten einer, der zum Beispiel auch mit Deinem Hausarzt Kontakt hat und so dafür sorgt, dass Du auch dort gut betreut wirst. Rede mit allen Stellen (Jobcenter, Arbeitstrainings) immer von Anfang an über ÄVPS.

    Wir ÄVPS-Menschen brauchen so absolut dringend jede Unterstützung die wir kriegen können und Fachmenschen oder überhaupt ALLE Menschen, können uns eben nur dann als ÄVPS-Menschen unterstützen, wenn wir offen damit umgehen.

    Ich wünsche Dir auf jeden Fall alles Gute. Geschichten wie Deine berühren mich jedes Mal sehr, da ich Deine Situation selber so gut kenne.

    LG, trixi

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.

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