Antwort auf: Eltern von √ĄVPS-Betroffenen: Wie waren Deine?

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  • #10348

    Hey¬†ūüôā

    ich finde Deine Frage sehr nachvollziehbar, und kann mir gut vorstellen, dass so etwas f√ľr Eltern ganz schwer ist.
    Ohne jetzt wirklich viel √ľber Dich zu wissen, denke ich, die Tatsache, dass Du ein Vertrauensverh√§ltnis zu Deiner Tochter hast, und dass sie Dir sagt, Du hast nichts falsch gemacht, sieht f√ľr mich so aus, als w√ľrde Deine Tochter tats√§chlich den Fehler nicht bei Dir sehen. Wobei, Fehler machen alle Eltern (sind ja auch nur Menschen), und manchmal sind es viele Kleinigkeiten die „schief gehen“ und sich summieren ohne dass es jeweils in der Situation aufgefallen w√§re, aber kein gro√ües identifizierbares Trauma.

    Beispiel von mir: ich habe gro√üe Probleme, mich im Berufsleben auf Verantwortung und Karriere einzulassen (obwohl ich Gelegenheiten dazu hatte) und f√ľhre das u. a. darauf zur√ľck, dass meine Eltern und viele Eltern in meinem Umfeld in der Wendezeit im Osten erst ihre berufliche Identit√§t komplett verloren, und sich dann auch noch kapitalistischen Gauner*innen rumschlagen mussten, die kein Interesse an bl√ľhenden Landschaften im Osten, sondern nur in ihren eigenen Geldbeuteln hatten. Meine Eltern sind beide Akademiker (Dipl.-Ingenieure) und mein Vater sogar hoch spezialisiert und F√ľhrungskraft (soweit oben wie ohne Parteibuch eben kam), der w√§re heute f√ľrstlich bezahlt worden. In der Nachwendezeit sind sie beide trotz top Bildung und Berufserfahrung beruflich untergegangen und haben sich bis zu ihrem Ruhestand nie wieder richtig berappelt. Diese frustrierenden beruflichen K√§mpfe, unterbrochen durch gelegentliche Arbeitslosigkeit mit bekloppten Ma√ünahmen vom Amt, habe ich als Kind nat√ľrlich miterlebt, und die Stimmung in der Familie war ziemlich schlecht. Da hat sich bei mir das Gef√ľhl ausgepr√§gt: Berufserfolg ist etwas unerreichbares, oder ist zumindest nix f√ľr Leute „wie uns“. Deshalb habe ich es nie versucht, schiebe meinen Hochschulabschluss vor mir her und bleibe auch mit meinen Nebenjobs weit unter meinen M√∂glichkeiten.
    Das ist zwar nur ein Aspekt meiner √ĄVPS, aber ist schon sehr zentral.
    Kann ich das jetzt meinen Eltern vorwerfen? Was hätten sie machen sollen? Das Thema verschweigen? Wäre noch schlimmer gewesen. Mich ermutigen, dass ich was auch mir mache? Haben sie immer.

    Manchmal ist niemand schuld und trotzdem gehen Dinge schief. :-/

    Ansonsten w√ľrde ich den Anteil meiner Eltern an meiner St√∂rung so beschreiben: Sie haben mir gewisse negative Sichtweisen und eingeschr√§nkte M√∂glichkeiten vorgelebt. Aber nicht aus B√∂sartigkeit, sondern weil das ihre Normalit√§t war.
    Beide sind sehr lieb und unterst√ľtzen mich (vielleicht auch zu sehr? Sodass ich nie selbst√§ndig werden muss und immer unsicher bleiben kann?) und f√ľhren eine stabile und ich w√ľrde denken auch gl√ľckliche Ehe. Aber meine Mutter ist halt selbst nicht sehr selbstsicher nach au√üen. Mein Vater ist zwar selbstsicher und sehr kompetent, aber ich glaube der w√ľrde heutzutage als hochsensibel durchgehen, also den st√∂rt alles: laute Musik, Ger√ľche, Besuch im Haus, etc. Also ich hatte eine selbstunsichere Mutter und einen st√§ndig genervten Vater. Also wie gesagt, beide lieb – aber kamen halt schnell an ihre Grenzen. Da habe ich als Kind nat√ľrlich vieles auf mich bezogen und mich immer als „falsch“ empfunden.

    Ich w√ľrde das denen aber nicht vorwerfen, denn sie sind ja auch nur Menschen mit einer Geschichte und Gr√ľnden, warum sie so sind. Und immerhin haben sie mir ein stabiles und so grunds√§tzlich auch warmherziges liebevolles Zuhause geboten und ich habe auch sehr viele positive Eigenschaften daraus mitgenommen.