Antwort auf: Eltern von ÄVPS-Betroffenen: Wie waren Deine?

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  • #10149

    Vater, 79 J., Kriegskind, dominant, wohl oft im Leben auf sich alleine gestellt, abwesend in der Erziehung. Mutter, 78 J., devot, Hausfrau, phasenweise in ihrer Ehe depressiv, hat in ihrer Kindheit Abwertung erfahren, war für mich die einzige Bezugs- bzw. Erziehungsperson und ich zugleich „Ersatzpartner“ für sie. Wurde auch von meinem Vater dahingehend so instrumentalisiert bzw. manipuliert. Daher von ihr viele Verhaltensmuster übernommen (leider eher die Negativen), da Vater in der Erziehung bzw. als männliches Vorbild abwesend. Männliche Rollenmuster wie Durchsetzungsfähigkeit, Mut und Selbstbehauptung in der Kinder- und Jugendzeit nicht erlernt.

    Ergebnis: Wenig Durchsetzungsvermögen, geringes Selbstwertgefühl, Ängstlichkeit in Situationen, die unbekannt oder chaotisch sind sowie unorganisiert, unkontrolliert oder unvorhergesehen ablaufen. Häufige Stellenwechsel (gewollt oder ungewollt), häufige Probleme mit Vorgesetzten, lückenhafte Erwerbsbiografie mit häufigen Phasen von Arbeitslosigkeit. Seit der Jugendzeit kein Freundes- oder Bekanntenkreis, keine Partnerschaften, Rückzugstendenzen, werde nicht schnell „warm“ mit jemandem. Bei bestimmten Personen, wo beidseitig eine innige  Zuneigung zu spüren ist bzw. besteht, bin ich offen wie ein Buch, höflich, ein angenehmer Gesprächspartner und guter Freund.

    Häufige Klinikaufenthalte, in denen ich durchaus einige Bewältigungskonzepte erlernt habe. Die Umsetzung jedoch scheiterte häufig an den suboptimalen Bedingungen im Alltag, insbesondere im beruflichen Umfeld. Je nachdem, in welchem Unternehmen man beschäftigt ist und mit welchen Kollegen und Vorgesetzten man zu tun hatte, kam ich früher oder später unter die Räder, wobei es nicht an der Leistungsfähigkeit lag. Im Privaten Bereich hat man, wenn man auf dem Land lebt, wenig Möglichkeiten der Integration und Selbstentfaltung. Liebe Kunst und Kultur sowie angenehme Gespräche. War noch nie ein Kneipengänger, Discobesucher oder Vereinsmeier.

    Bin jetzt 50 Jahre und habe nach den herkömmlichen, gesellschaftlichen Konventionen im Leben beruflich und privat nichts erreicht. Ich habe zunehmend das Gefühl, mit der herkömmlichen Arbeitswelt nicht mehr kompatibel zu sein. Resignation macht sich seit einiger Zeit bei mir breit. Der immerwährende Existenzkampf sowie die unechten, aufgesetzten Bewerbungsprozesse sowie die damit verbundenen, ständigen Absagen haben mich zermürbt. Das Gefühl, mit dem Leben abschließen zu wollen, wurde in den letzten 2-3 Jahre größer.