Antwort auf: Hilfe

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  • #10081

    Oh Casimir!

    Was für eine verzwickte Situation. Ich glaube, Familie ist nie einfach. Ich habe im Laufe der Jahre den Kontakt zu meiner Familie genau wegen solchen Geschichten nahezu eingestellt bzw. auf ein Minimum reduziert.

    ÄvPS bringt es mit sich, dass wir einen extrem hohen Energieverbrauch haben. Angst braucht sogar an normalen Tagen viel Ressourcen. Das ganze System befindet sich ständig in Alarmbereitschaft: Da ist diese „Hab Acht“-Haltung, die fordert: „Mach bloss keine Fehler!“. Und das ist, selbst dann wenn wir es nicht bewusst wahrnehmen, unheimlich anstrengend.

    Die Folge ist eine tiefe Erschöpfung. Schliesslich leben wir meist seit Jahren in diesem Alarmzustand. Es ist also vollkommen logisch, dass wir schnell an den Punkt kommen, an dem wir schlicht überfordert sind.

    Trotz dieser deutlichen (und wissenschaftlich belegten!) Fakten, lässt sich einer Mutti (oder einem Vater) wohl kaum verklickern, dass man einfach NICHT KANN. Meine Familie hat mich jahrelang immer wieder der Faulheit bezichtigt. Gerade meine Mutter hatte nie Verständnis dafür, dass ich wirklich manchmal Tage habe, an denen auch das bisschen Abwasch einfach grad stehen bleiben muss.

    Wenn ich einen halben Tag unter Leuten war (Arbeiten z.B.), dann bin ich erledigt. Ich brauche dann eine halbe Stunde in absoluter Ruhe um mich hinzulegen und wieder aufzutanken.

    Ich weiss mittlerweile, dass ich das Problem teils mit verursache, weil ich mir oft zu viel vornehme. Ich will ja, also denke ich, das wird schon klappen. Wenn’s dann nicht klappt, kam oft das nächste Problem: Ich bitte nicht um Hilfe, weil ich sowieso nicht damit rechne, dass ich sie bekomme.

    Was nun Dein konkretes Problem angeht: Ich finde, man spürt total gut, dass Dir Deine Familie eben nicht egal ist. Ebenso gehst Du wegen Deiner Versäumnisse und Fehler mega-ävps-mässig hart mit Dir zu Gericht. Ich glaube, Du tust wirklich alles was Du kannst.

    Ich bin persönlich der Meinung, dass dies bei Dir der Moment wäre, indem eine externe Fach-Person Deiner Familie erklären müsste, was ÄvPS ist und wie sie sich auswirkt. ÄvPS wird unterschätzt, von Betroffenen gleichermassen wie von ihren Angehörigen. Nun kann es aber nicht der Betroffene selber sein, der die Angehörigen aufklärt. Bei ÄvPS kann das ja nur dazu führen, dass man sich als Betroffener dann vorkommt, als würde man sich rausreden und ÄvPS als bequeme Ausrede benutzen.

    Wurden solche Interventionen bei Deiner Familie mal versucht? Also beispielsweise gemeinsame Gespräche mit Familie und Therapeut?

    Ich bin mir nicht sicher ob man in Deutschland so etwas wie „Spitex“ kennt. Aber in der Schweiz gibt es ambulante Psychiatriepfleger die in der Regel einmal pro Woche zu ihren Klienten nach Hause kommen. Da die Spitex (anders als ein Therapeut), Dich also in Deinem tagtäglichen Umfeld erlebt, sind solche ambulanten Pfleger ebenfalls gut in der Lage, dass ganze „Familiensystem“ zu beurteilen. Ambulante Pflegepersonen sind daher ebenfalls oft bereit und in der Lage auch die Angehörigen mit einzubeziehen und quasi zu „dolmetschen“.

    Ansonsten lieber Casimir, habe ich gerade auch keinen wirklich guten Rat parat. Akzeptieren was ist und sich selber nicht verurteilen!

    LG, trixi

    Schweizerin mit 1977er Jahrgang. Ich habe chronische Depressionen, DPS und eine GAS.