Antwort auf: ÄVPS als Folge einer missbräuchlichen Beziehung?

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    Hallo Peanut (und auch alle anderen),

     

    Missbrauch ist ein Thema, mit dem ich mich sehr intensiv (bald schon etwas obsessiv eine Zeit lang) beschäftigt habe. Missbrauch kommt in vielen Formen – physisch, finanziell, sexuell, emotional und psychisch. Physisches und sexueller Missbrauch ist das, was man im ersten Moment irgendwie als „klassischen Missbrauch“ assoziiert. Grade in Beziehungen findet das allerdings selten ohne emotionalen und psychischen Missbrauch statt.

    Ich habe sehr viele Videos gesehen und viele Seiten durchstöbert, um aus einigen Sachen schlau zu werden. Was mir dabei stets negativ aufgestoßen ist, dass – grade in Videos – immer praktisch von „dem bösen Mann“ gesprochen wird. Als ich dann irgendwann mehr verstanden habe, leuchtete mir ein, was mich störte – und zwar auch schon in meiner Klinikszeit als auch im privaten Umfeld. In der Gesellschaft wird die Schwere, die psychischer und emotionaler Missbrauch hat, noch völlig verkannt. Die Aufklärung funktioniert an der Stelle nicht gänzlich? Es ist „einfacher“ körperliche Gewalt als schlimm darzustellen, da wir da als Gesellschaft schon länger dran sind. Oder einfach, weil man das „besser“ begreifen kann, weil man es sehen kann. Obwohl, wenn man wollte, man auch die Spuren psychischem Missbrauchs sehen könnte.

    Denn wenn man anfängt, sich die emotionale und psychische Ebene genauer anzusehen, habe ich festgestellt, wie schädlich unsere Gesellschaft an der Stelle ist. Und ich denke praktisch jeder mit psychischer Erkrankung kann das nachempfinden. Man muss überlegen, wem man davon erzählt, was man erzählt, und so weiter.

    Ich denke, dass das Geschlechterverhältnis ganz anders aussieht. Nur, manche Dinge werden halt als „normal“ angesehen, obwohl sie ebenfalls schädlich sind. Muss z.B. ein Mann wirklich erahnen können, dass doch „etwas ist“, obwohl auf Nachfrage versichert wird, dass „nichts ist“? Ich denke nein. Dennoch gehört das halt dazu, richtig? Nein. Wenn das immer wiederkehrend gemacht wird, ist auch das schädlich – da das zu einer Verunsicherung des Gegenüber führt.

    Unsere Gesellschaft und unsere „Erziehung“ lässt für Männer immer noch wenig Spielraum, um zuzugeben, dass sie missbraucht wurden. Mal ganz davon abgesehen, dass ja eh nur körperliche und sexuelle Gewalt „richtiger“ Missbrauch sind.

    Man unterschätzt die Wirkung von emotionalem und psychischem Missbrauch enorm. Dass das für Kinder schlimm ist, da ist man ja schon etwas schneller. Dass aber auch erwachsene, „gestandene“ Menschen damit an den Rand ihrer psychischen Stabilität getrieben werden können – das wird verkannt. Selbst „nur“ emotionaler und psychischer Missbrauch kann (re-)traumatisierend sein und so etwas wie Todesangst auslösen (Grundsteine hierfür definitiv in der Kindheit). Und als Folge daraus kann dann auch eine komplexe PTBS entstehen.

    Missbrauch ist ein Thema, da komme ich mit dem „Arsch hoch“. Da spielen auch meine Ängste dann keine Rolle mehr. Ich habe in der Klinik damals schon diskutiert, dass ich es schädlich finde, wenn emotionale und psychische Gewalt so runtergespielt werden. Und vor einigen Monaten hatte ich eine Diskussion mit einer Freundin, weil die sagte „sind ja eh immer die Männer, die Arschlöcher sind“. Weil nein, das entspricht nicht der Wahrheit. Und da hole ich dann auch mein eigenes Verhalten auf den Tisch und sage „ohne, dass du wüsstest, was ich habe, würdest du das auch als Arschlochverhalten bezeichnen“ und die Antwort ist „ja“. Und da ich auch eine Frau bin, naja. Keine Ahnung, ob ich das ohne meine eigene Erfahrung so vehement verteidigen würde, dass das nicht nur Männer sind. Dennoch hilft mir das auch mein eigenes schädliches Verhalten immer mehr zu erkennen.

    Ob eine ÄvPS nun dadurch in einer Beziehung entstehen kann – weiß ich nicht. Bei mir bestand die Symptomatik schon vor meiner schädlichen Beziehung (im übrigen mit einer anderen Frau), wenn auch in einem milderen Maß (damals war ich 18, knapp 8 Jahre war ich in der Beziehung). Was wir allerdings in meiner Therapie herausgefunden haben, ist, dass sich die Symptomatik deutlich verschlimmert und ausgeweitet hat (als ob das die Waage zum Kippen gebracht hat). Ich muss auch sagen, dass ich eine sehr tolle Therapeutin hatte, die sich mit dem Thema auch sehr gut auskannte. Es ist auch möglich, dass meine Symptome auf Grund der Traumata aus der Beziehung verschlimmert sind. Entstanden ist es dadurch jedenfalls nicht.