Zwanghafte Persönlichkeitsstörung: Erfahrungsbericht

09.06.2021
Zwanghafte Persönlichkeitsstörung Erfahrung

An einem Tag als lange bevor mir bewusst war, dass ich eine Zwanghafte Persönlichkeitsstörung habe:

Ein vertrautes Gefühl des Untergangs verwandelte sich in stählerne Empörung, als ich vor dreissig Berufsschülern stand und die Statistiken erklärte, die für einen bevorstehenden Leistungsnachweis verstanden werden mussten. Zwei Schüler flüsterten und sahen mich dann mit einem Grinsen an. Die meisten anderen machten einen abwesenden Eindruck und einige sassen nur mit grossen Augen da und sahen verwirrt aus.

„Interessieren sich diese Schüler nicht für ihre Ausbildung?“, fragte ich mich. Ich beendete den Vortrag angespannt und gereizt.

Zwanghafte Persönlichkeitsstörung ≠ Zwangsstörung

Die Zwanghafte Persönlichkeitsstörung unterscheidet sich von einer Zwangsstörung: ZPS-Betroffene wie ich, leiden nicht an unerwünschten, sich wiederholenden Ritualen. Im Gegenteil bewerten ZPS-Betroffene ihre Zwänge als völlig gerechtfertigt und erwarten teilweise sogar, dass andere auf ähnliche Weise handeln. Das ICD beschreibt ZPS als „ein allgegenwärtiges Muster der Beschäftigung mit Ordnung, Perfektionismus und geistiger und zwischenmenschlicher Kontrolle auf Kosten von Flexibilität, Offenheit und Effizienz.“. Was es zu einer Persönlichkeitsstörung macht, ist, dass die Zwänge in vielen Zusammenhängen über einen langen Zeitraum auftreten und in mehreren Bereichen des eigenen Lebens zu Leiden führen.

Zwei Wochen später korrigierte ich die Leistungsnachweise meiner Schüler. Die Mehrheit hat bestanden, aber für eine so einfache Aufgabe hätten sie bessere Noten bekommen müssen, dachte ich. Wenn ich nur ein besserer Redner wäre, wenn ich nur attraktiver wäre, würden die Berufsschüler meinem Unterricht mehr Aufmerksamkeit schenken und qualitativ hochwertige Arbeiten abgeben.

Einfach nie perfekt genug

Später am Abend im Fitnessstudio nahm ich Augenkontakt mit ein paar Leuten auf, deren Gesichtsausdruck mir vorkam, wie der, den ich vor der Klasse gesehen hatte. Uff, das Fitnessstudio ist zu klein. Ich kann nicht einmal aufschauen, ohne das Gefühl zu haben, alle um mich herum urteilen über mich. Ich habe versucht, die Irritation und Enge des Tages loszuwerden, aber es war hart – und ich fühlte mich so unfähig. Kein Wunder, dass die Leute mich ansehen und urteilen.

Am nächsten Morgen schmerzt mein Körper vom Training – ein wunderbares Zeichen, dass ich bald fitter und schlanker sein werde. Aber es gibt ein Problem: Ich kann nicht aufstehen. Eine dichte Atmosphäre der Panik setzt ein, weil ich heute so viel zu tun habe. Ich komme mit meinen Aufgaben in Verzug.

Geschirr spülen, meine Schwester endlich mal wieder anrufen, mit der Planung des nächsten Schuljahrs beginnen. Einen Weg finden, Spass zu haben und mich ich zu entspannen (welche Ironie). Lebensmittel einkaufen. An meiner faulen Einstellung arbeiten und endlich selbstbewusster werden. Alles noch vor dem Frühstück.

Die latente Angst entwickelt sich Richtung Panik, als ich meinen Zeitplan überarbeite und mich frage, warum es mir so schlecht geht. Ich weiss, dass ich mich entspannen muss, aber wenn ich nicht produktiv bin, raucht mir der Kopf vor Gedanken darüber, was ich alles tun muss, wie ich mich selbst optimieren und mit anderen besser zusammenarbeiten kann.

Klinikaufenthalt und Diagnose

Im Jahr 2014 verbrachte ich drei Wochen in einer psychiatrischen Klinik. Es war unmöglich zu kontrollieren, wie selbstmörderisch ich mich fühlte. Das wiederum brachte mich erst recht zum Ausflippen, weil ich mich als gebildeter Akademiker mit Kontrolle gut auskenne. Bei mir wurde eine mittelschwere Depression diagnostiziert, die durch Perfektionismus und Inflexibilität hervorgerufen und aufrechterhalten wird. Und so erhielt ich die zweite Diagnose: Eine Zwanghafte Persönlichkeitsstörung (ZPS), eine Erkrankung, die durch eben diese Merkmale gekennzeichnet ist.

Aber ich bin so nett, verständnisvoll und entgegenkommend! Ich bin stolz darauf, dass ich viele Sichtweisen einschätzen und mich anpassen kann, wenn sich neue Informationen ergeben. Psychologen liegen mit ihren Einschätzungen nicht immer richtig. Ich erzählte meinem Chef von der Diagnose und zu meiner Überraschung zuckte er nicht mal mit der Wimper. Ein Professor, der selbst oft stundenlang (zwanghaft?) arbeitete, hielt mich für einen fehlgeleiteten Perfektionisten. Anstatt meine Unterrichtsplanung zu besprechen, haben wir das Treffen damit verbracht,  Perfektionismus zu diskutieren und zu erklären, warum es schwierig sein kann, einfach mal locker zu bleiben.

Einsicht

Mir wurde langsam klar, dass ich vielleicht nicht so locker bin, wie ich es mir eingeredet hatte. Zum einen schienen meine Kollegen, obwohl sie sich auch manchmal gestresst fühlten, nicht so am Boden zerstört zu sein, wenn etwas nicht klappte. Wenn sie unterrichteten und lehrten, taten sie dies mit Zuversicht und fühlten sich weit weniger verantwortlich dafür als ich, wie die Schüler sie wahrnahmen oder wie gut ihre Schüler abschnitten. Vor allem schienen sie mehr Freude an ihrer Arbeit zu haben.

Es war für mich ein riesiger Perspektivenwechsel, da die Gesellschaft harte Arbeit und Produktivität fördert und feiert. ZPS ist keine häufige Diagnose: Überarbeitung und Perfektionismus werden mehrheitlich als wirklich positive Eigenschaften wahrgenommen.

Recovery

Ich habe gelernt, etwas Kontrolle abzugeben und meine Depression und meine ZPS zu akzeptieren. Mit Akzeptanz konnte ich meine Zeit und Energie in die Therapie investieren, um zu lernen, wie ich besser damit umgehen kann. Ich lerne, dass meine Standards für mich und andere unvernünftig, ungesund und unfair sein können. Auch meine Leistungen und geleisteten Arbeitsstunden sind nicht dauerhaft genug, um mich zu erfüllen. Ich lerne (und übe), mich mehr auf meine Erfahrungen zu konzentrieren.

Am Morgen wache ich noch immer mit meiner unvermeidlichen und ellenlangen Aufgabenliste im Kopf auf. Aber ich achte jetzt mehr auf mein Wohlbefinden und meine Grenzen. Ich bereite das Frühstück zu und ziehe etwas an, das bequem ist. Wenn ich diese vertraute Enge und Verärgerung spüre, weiss ich heute, dass ich einen Schritt zurück machen muss: eine Taktik, die ich nun routinemässig praktiziere. Überstunden sind immer noch eine Versuchung für mich, und ich muss mich manchmal von der Arbeit regelrecht losreissen. Es stellt sich heraus, dass Effizienz und Produktivität möglicherweise doch nicht die höchste Berufung der Menschheit sind. Wer weiss?

Externe Beiträge

therapie.de: Bin ich zwanghaft?

Article Categories:
Erfahrungsberichte

Alle Kommentare

Abonnieren
Benachrichtige mich bei
guest
2 Comments
Älteste
Neueste
Inline Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen
Roxie

Lieber Werner, danke für Deinen wunderbaren Beitrag. Ich musste beim Lesen an einen Gymi-Lehrer denken, unter dem ich in meiner Schulzeit sehr gelitten habe. Dank Deiner Erzählung frage ich mich heute, ob dieser Lehrer vielleicht ganz ähnlich gestrickt war. Irgendwie hat mich das ein bisschen versöhnt, weil es mir erlaubt hat, ihn mit einem Lächeln zu betrachten und mir bewusst geworden ist, dass er wohl kaum böse war und wahrscheinlich selber sehr unter Druck oder eben Zwang stand.

helena

Hallo Werner! Als ich Deinen ersten Beitrag im Forum gelesen habe, hatte ich fast keine Vorstellung davon, wie sich eine zwanghafte Störung auswirkt. Nach Deinem tollen Erfahrungsbericht verstehe ich das viel besser. Ich sehe jetzt auch mehr, wie sich ävps und zps überschneiden und wo es Unterschiede gibt. Vielen Dank, dass du so offen berichtest!  🌼