schüchtern ävps

Schüchternheit und ÄVPS

Die Ursachen von Persönlichkeitsstörungen sind weitestgehend unbekannt. Man vermutet eine Mischung aus biologischen Faktoren (angeborenes Temperament, genetische Einflüsse) und Umweltfaktoren (Bindungs-/Erziehungsstil der Eltern, soziale Risikobedingungen). Inwieweit angeborene Eigenschaften eine Rolle spielen, konnte gerade für die Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung in mehreren Forschungsarbeiten eindrücklich aufgezeigt und nachgewiesen werden:

Dass das Bindungsverhalten für die Entwicklung von Selbstvertrauen und für das Hineinwachsen in zwischenmenschliche Beziehungen (spätesten mit Beginn des Kindergartenalters) eine wichtige Rolle spielt, ist in der Persönlichkeitspsychologie gut am Beispiel der Langzeitentwicklung von Schüchternheit untersucht (zusammenfassend Asendorpf, 1999). Dabei spielen einerseits Temperamentsfaktoren zwar eine gewisse Rolle, können jedoch wesentlich durch ambivalent-ängstliche Erziehungsstile der Eltern beeinflusst und Ablehnungserlebnisse in Kindergarten und Schule weiter verstärkt werden.

Zunehmende Unsicherheiten, Hemmungen gegenüber Gleichaltrigen und wegen der eigenen Zurückhaltung nicht beachtet zu werden, können Rückzugtendenzen massiv verstärken und einen unglücklichen Teufelskreis in Gang setzen. Zunehmender Mangel an Freundschaftsbeziehungen kann bereits früh in Einsamkeit und depressive Verstimmungen einmünden (Rubin, 1993). Da Schüchternheit als eine zentrale Eigenart der selbstunsicher-vermeidenden Persönlichkeit gilt, liegt es nahe, ähnliche Entwicklungsbedingungen zu vermuten.

Quelle: Peter Fiedler: Persönlichkeitsstörungen

ÄVPS und Schüchternheit als Betroffene

Ich habe eine Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitstörung und meine persönliche Geschichte deckt sich vollständig mit dem theoretischen Szenario welches im Zitat beschrieben wird.

Ängstliches Temperament

Das Temperament betrifft genetisch bedingte Unterschiede, die heutzutage auf fortlaufenden Skalen gemessen werden, z.B. Neurotizismus. Es sind relativ konstante Merkmale des Verhaltens wie etwa Ausdauer, Reizschwelle, Stimmung und Tempo.

Das Temperament kennzeichnet also Verhaltensdispositionen, die bereits früh im Leben beobachtbar sind und wesentlich durch biologische Faktoren bestimmt werden.

Ich habe als Erwachsene zweifelsohne ein schüchternes, zaghaftes Temperament und reagiere auf bestimmte Impulse (etwa die Begegnung mit fremden Menschen oder neuen Situationen) mit Ängstlichkeit. Aber was macht mich so sicher, dass ich bereits als Säugling so war? Die Gewissheit leite ich ab aus persönlichen Erinnerungen und intensiver Biografie-Arbeit. Ich habe frühe Bezugspersonen und Familienmitglieder befragt. Hier ist es besonders hilfreich, indirekt nachzufragen! Meine Mutter würde mich nie als ängstliches Kind beschreiben, wenn sie direkt danach gefragt wird. Ich habe sie daher gebeten, mir zu erzählen, wie ich als Baby oder Kleinkind in bestimmten Situationen reagiert habe und wie sie damit umgegangen ist. Meiner Mutter ist bis heute nicht bewusst, wie sehr ihre persönliche Einschätzung ihrer Tochter („so ein mutiges, selbstständiges Kind!“) von dem tatsächlich erinnerten Verhalten („dich konnte man schon als Baby problemlos alleine lassen, du hast nie geweint bei Trennungen“) abweicht. Zusätzlich habe ich Dokumente aus meiner frühen Kindheit (Akte aus der Hebammensprechstunde, Fotos) studiert.

Siehe auch  Liebe: Eine Borderline-Erfahrung

Unsicher-vermeidende Mutter-Kind-Bindung

Meine Mutter war nicht in der Lage, mir als Kind die Erfahrung von Sicherheit zu vermitteln. Sie wollte und will bis heute unbedingt eine selbstsichere, mutige, starke Tochter, dass es für sie absolut unmöglich scheint, mich als Persönlichkeit so wahrzunehmen wir ich wirklich bin.

Die klassische Situation aus dem „Fremde-Situations-Test“ interpretiert meine Mutter einfach um:

Die Tatsache, dass ich als Kind keine Nähe und Trost bei meiner Mutter gesucht habe, ist für sie Ausdruck meiner Selbstständigkeit und eine Form von Mut. Sie hat nie verstanden, dass ich mich nicht so verhalten habe, weil ich keine Nähe und Trost gebraucht hätte, sondern weil ich sehr früh gelernt habe, dass ich keine Nähe und Trost bekomme. Unsere Kommunikation war also von Beginn an nicht verlässlich. Meine Mutter war emotional für mich nicht verfügbar und hat auf ängstliches Verhalten ablehnend bis verärgert reagiert („Jetzt tu halt nicht so blöd!“).

Temperament / Persönlichkeitsstil meines Vaters

Mein Vater hat für mich in erster Linie als Lernmodell eine Rolle gespielt, da wir nie wirklich eine Bindung aufgebaut haben. Mein Vater hat sich aus der Erziehung rausgehalten und seine Rolle als Vater in erster Linie als Ernährer der Familie wahrgenommen.

Er war ruhig, zurückgezogen, introvertiert und konfliktscheu. Heute ist mir klar, dass mein Vater durchaus die Kriterien für eine ÄVPS erfüllt hat.

So habe ich von meinem Vater gelernt, dass die Welt insgesamt bedrohlich und voller Gefahren ist und dass man Menschen besser nicht vertraut. So hatte mein Vater, abgesehen von der Familie, keine sozialen Kontakte oder gar Bindungen.

Siehe auch  Schizoide Persönlichkeitsstörung SPS

Zusätzlich haben massive Missbrauchserfahrungen in seiner Kindheit unsere Beziehung zeitlebens belastet. Bei jedem Körperkontakt hat sich mein Vater innerlich zurückgenommen um seine Kinder eben „nicht wirklich zu berühren“. Heute weiss ich, dass es für ihn schlicht unmöglich war, sich auf eine intime und vollkommen normale Vater-Kind-Nähe einzulassen, weil er nicht in der Lage war, dies von einem sexuellen Übergriff zu unterscheiden. Seine extreme Befangenheit bei Körperkontakt konnte von mir als Kind jedoch nur als Ablehnung von mir als Person verstanden werden.

Meine frühkindlichen Erfahrungen mit Gleichaltrigen

Unter diesen Startbedingungen erscheint es nicht mehr überraschend, dass ich nie wirklich in der Lage war Beziehungen aufzubauen. Bereits im Kindergarten hatte ich mich damit abgefunden, dass ich dazugehöre, nicht gemocht werde und keiner sich für mich interessiert. Ich habe nie wirklich versucht, Freunde oder auch nur Spielkameraden zu finden, da mir dies absolut sinnlos erschien und jeder Versuch nur damit enden konnte, dass ich durch Ablehnung und Kritik verletzt wurde.

Zum Schutz meines Selbst habe ich den Spiess umgedreht: Ich redete mir ein, dass ich „mit diesen furchtbaren Leuten“, gar nicht befreundet sein will. Ich glorifizierte mein Aussenseiter-Dasein auch in gewisser Art („splendid isolation“) und habe es vorgezogen andere abzulehnen, bevor diese Gelegenheit bekommen, mich abzulehnen.

Der Teufelskreis hat sich also in meinen Leben ziemlich genau wie im obigen Zitat entwickelt und, mit der Diagnose ÄVPS, auch geschlossen.

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