Passive Aggression

Passive Aggression: Eine moderne Erscheinung

Zum Glück sind die Zeiten, in denen es gesellschaftlich toleriert war, dass Männer ihre Ansprüche gegenüber ihren Frauen mit aktiver Aggression durchsetzen, vorbei. Körperliche Gewalt steht mittlerweile in allen zivilisierten Gesellschaften unter Strafe und verbale und emotionale Gewalt wird von einer grossen Mehrheit zumindest streng abgelehnt. Gleichzeitig scheint jedoch eine andere Art von Gewalt stetig häufiger zu werden: die passive Aggression.

Als die Welt noch in Ordnung war

Fangen wir ganz vorne an! In den ersten 200 000 Jahren der Menschheitsgeschichte war die Sache recht einfach: der  Mann war Oberhaupt, Ernährer und Verteidiger  der Familie, die  Frau umsorgte in der Höhle die Kinder und hütete das Feuer.

Männer galten als (und hatten es auch zu sein!) stark, selbstbewusst, aktiv, kämpferisch, mutig, ehrgeizig, dominant, draufgängerisch, aggressiv und hatten ihre Emotionen unter Kontrolle.

Frauen galten als (und hatten es auch zu sein!) emotional, friedliebend, sozial orientiert, passiv, schwach, fürsorglich, sicherheitsbedürftig, genügsam und intuitiv.

Die Rollen der beiden Geschlechter waren somit klar definiert und festgelegt. Noch viele der heutigen Rentnerinnen haben in einer Zeit geheiratet, als es Ehefrauen per Gesetz untersagt war den Mietvertrag für die Familienwohnung auf ihren Namen laufen zu lassen oder ihn ohne die schriftliche Zustimmung des Ehegatten nicht kündigen durfte. Ebenfalls entschied der Ehemann, ob und wann und natürlich wozu die Frau das Haus verlassen durfte.

Die männliche Vorherrschaft galt also unbestritten bis …

Die Frauenbewegung und die Gleichberechtigung

Die Mitglieder der ersten Frauenbewegung wurden Frauenrechtlerinnen genannt. Da eines ihrer  Hauptziele das Frauenwahlrecht war, wurden sie auch (häufig abwertend) als Suffragetten (suffrage – engl. Wahlrecht – Abstimmung) bezeichnet.

Siehe auch  Umgang mit Entfremdung

In den deutschsprachigen Ländern erreichten dies als erstes die Frauen in Österreich: ihnen wurde das allgemeine Wahlrecht 1918 gewährt.

In Deutschland wurde dies den Bürgerinnen kurz darauf zugestanden.

Die Schweizerinnen hatten indessen länger zu kämpfen: auf Bundesebene wurde das Frauenstimmrecht 1971 eingeführt.

Die im Kanton Appenzell wohnhaften Frauen mussten auf das gleiche Recht auf kantonaler Ebene beschämend lange warten: es wurde ihnen erst 1990 (!) gewährt.

Abschied von der klassischen Rollenverteilung

Spätestens mit der zweiten Welle der Frauenbewegung in den 50er und 60er Jahren war es vorbei mit der klaren Rollenverteilung.

Die Frauen forderten Gleichberechtigung mit den Männern und die vorher Jahrtausende gültige Definition von Frau- und Mann-Sein und den Plätzen, die sie in ihrer jeweiligen Gesellschaft einnehmen können und dürfen, wurde obsolet.

Heute finden wir uns in einer Welt, in der es keine klaren Geschlechterrollen und somit keinen vorbestimmten Platz im Leben mehr gibt.

Frauen dürfen nicht nur die Rolle der Ernährerin einnehmen, sondern es wird vielerorts geradezu erwartet, dass sie Karriere machen und dabei natürlich auch noch Kinder grossziehen.

Die Frauenbewegung hat auch die Männer verändert

Der heutige Mann darf und soll auch gern mal klassisch weiblich sein: emotional, sozial orientiert und friedliebend.

Auch Männern steht es im Gegenzug heute frei, eine klassisch weibliche Rolle einzunehmen: der Hausmann und Vater ist zwar leider immer noch nicht wirklich in der Gesellschaft angekommen, aber immerhin ist diese Rollenverteilung heute möglich.

Gewalt nur noch im „sportlichen“ Kontext toleriert

Anders sieht es mit den Möglichkeiten aus, Wut und Ärger auszudrücken: Männer, welche ihre aggressiven Impulse abseits vom Sportplatz ausleben, finden sich gesellschaftlich und gesetzlich im Abseits.

Siehe auch  Mord an Ted Ammon – Wahre Verbrechen

Körperliche Gewalt wird – zum Glück – heute nur noch bei geistig verwirrten Randgruppen toleriert und von den meisten kultivierten Gesellschaften abgelehnt.

Das Problem ist auf dieser Ebene zwar leider alles andere als behoben, aber immerhin hat man es erkannt!

Passive Aggression: Nicht jeder Offizier ist ein Gentleman

Es gibt jedoch eine andere Art der Aggression, welche sich begründet durch ihre inaktive Form, nur schwer anprangern lässt.

Das Phänomen wurde Mitte des letzten Jahrhunderts von dem amerikanischen Militärpsychiater Colonel Menninger erforscht und beschrieben:

Menninger beobachtete, wie manche Männer unter den rigorosen Bedingungen des Soldatenlebens (Gehorsam, kein eigenes Denken oder gar Handeln erwünscht) regelrecht aufblühten, während andere  Männer mit passivem Protest  reagierten.

Missachtung der Befehle, Rückzug und Fluchtversuche sind gemäss Menninger Verhaltensweisen, welche er „passiv-aggressiv“ nannte: der Versuch eines Schwachen der Autorität eines mächtigeren Gegners entgegenzuarbeiten.

Besiegen ohne Faust, Schwert und Pistole?

Die Anzahl passiv-aggressiver Männer hat sich seit Menningers Forschungen vervielfacht.

Heutzutage ist passive Aggression längst nicht mehr nur im Militär verbreitet, sondern wird auch zu Hause, am Arbeitsplatz und in persönlichen Beziehungen zu einem immer grösseren Problem.

Die Crux an der Sache ist, dass sich der passive Widerstand heute nicht mehr gegen Autoritäten richtet, sondern ein Problem geworden ist, bei dem es darum geht, wer sich für schwach und machtlos hält und glaubt andere seien stärker.

Der passiv-aggressive Mann missdeutet Beziehungen als Machtkämpfe und nimmt sich dabei als vermeintlich schwächeren wahr. (Scott Wetzler)

Die indirekte Art seinen Ärger und seine Feindseligkeit zu verpacken, lässt  sein Selbstbild unangetastet: Er bietet oft ein Musterbeispiel gezeigter Arglosigkeit bis hin zu betonter Toleranz gegen aussen.

Siehe auch  Liebe: Eine Borderline-Erfahrung

Auch das Bild welche das soziale Umfeld von einem passiv-aggressiven Mann hat, bleibt heil: verbale und emotionale Misshandlung der Partnerin hinterlässt keine Spuren.

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