Marquis de Sade – Besessen vom Verbotenen

15.02.2020
Besessen Verbotenen Marquis de Sade

Verbrechen: Sade wurde unter anderem verurteilt, weil er eine Bettlerin ausgepeitscht hat. Dass ein Adliger einen Bettler verprügelt war in dieser Zeit jedoch alltäglich. Weitere bekannte Opfer sind Prostituierte: Sie soll Sade vergiftet und sodomisiert haben.

Opfer: Bettler und Huren und das vorherrschende Empfinden von Sitte und Moral.

Motiv: Rache an der Obrigkeit und insbesondere an der Kirche bzw. grenzenlose Wut auf eben jene. Lust war eher nicht das vorherrschende Gefühl.

Psyche: Ob Sade von ein psychischen Krankheit betroffen war, lässt sich nicht beurteilen.


Ich bin seit meiner Kindheit leidenschaftliche Leserin. So kam es, dass ich als Teenager öfter mal das dörfliche Brockenhaus in meinem Heimatort nach Lesestoff durchsucht habe. Als ich das Buch „Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Ausschweifungen“ von einem gewissen „Marquis de Sade“ entdeckte, war mir sofort klar, dass es sich dabei um kein Buch für Minderjährige handelt. Der älteren Hausfrau die als Freiwillige im Brocki an der Kasse gearbeitet hat, war dies wohl weniger klar: Sie verkaufte es mir ohne mit der Wimper zu zucken!

Die 120 Tage von Sodom oder die Schule der Ausschweifungen

Die Faszination verwandelte sich bald in Abscheu, schliesslich Ekel und noch vor Ende des ersten Monats der 120 Tage war für mich Schluss. Das Lesen verursachte mir Übelkeit und ich habe das Buch nie zu Ende gelesen.

Ich habe über ein Jahrzehnt gebraucht, bis ich verstanden habe, dass Sade keine Pornografie schrieb, sondern Blasphemie. An jedem der Tage von Sodom schreit Sade etwas noch „Verboteneres“ hinaus.

Sade war bis zur Paranoia anti-autoritär. Sade war Atheist und wurde dafür ins Gefängnis geworfen. Seine frühen Fantasien über Inzest und über die Verführung und Vergewaltigung von Kindern können nur im Licht seines Hasses auf die christliche Kirche verstanden werden. Er war besessen vom „Verbotenen“.

Seine zweite Haftstrafe musste er antreten, weil er eine Bettlerin entführt und ausgepeitscht hatte. Seine dritte Verhaftung erfolgte aufgrund verschiedener Vergehen: Einerseits Anal-Verkehr (Sodomisierung) mit Prostituierten, andererseits die Beinahe-Tötung zweier Prostitutierten mit einem Aphrosidiakum. Während seiner dritten Haftstrafe kanalisierte er seine sexuelle Frustration in die Werke, für die er bis heute berühmt (oder berüchtigt) ist. Romane wie „Die Philosophie im Boudoir“ und „Justine“.


Hat Sade den Lustmord in die Welt gebraucht?

Kurz nach seiner Entlassung, war Sade bald wieder im Gefängnis, weil er Romane von beispielloser Gewalt und Unanständigkeit geschrieben hatte. Juliette endet mit einer Szene, in der eine Mutter zulässt, dass ihre kleine Tochter verletzt und lebendig verbrannt wird, während sie selbst gleichzeitig vaginal und anal von zwei Handlangern ihres Geliebten durchdrungen wird.

In Wahrheit sind seine Romane frei von jeder Sinnlichkeit oder Genuss. Sade hasst das System mittlerweile so sehr, dass sein einziges Anliegen darin besteht ihm zu trotzen. Wenn er sexuelle Orgien beschreibt, geht es nicht darum, die Geilheit zu kitzeln, sondern die Hüter der Moral zu verärgern.

Sade war äussert eigenwillig und herrisch. Als geborener Aristokrat war er es gewohnt Befehle zu erteilen. Der Gefangenschaft ausgeliefert zu sein, versetzte ihn gerade zu in Empörung. Weil er im Gefängnis immer wieder die Beherrschung verlor und sich nicht an die Regeln hielt, wurden ihm selbst die letzten Privilegien entzogen. Seine Wut muss immens gewesen sein. Da es nicht möglich war, diese Wut auszudrücken indem er die Verantwortlichen (die Mitarbeiter des Justizsystems) auspeitscht, kanalisierte Sade sie in seine Bücher.

Das was Sade fehlte, war Selbstkontrolle. Sein herrisches Temperament machte es unmöglich. Also rechtfertigte der hochintelligente Sade seine Unfähigkeit, indem er eine Parallelwelt erschafft, in der unbegrenzte Gewalt nicht nur erlaubt, sondern die einzig logische Konsequenz ist. Ein philosophisches System welches wir bei vielen Serienmördern im späten 20. Jahrhundert ebenfalls beobachten können.

Sade, der Zeit seines Lebens nie beschuldigt wurde, andere, weitergehende Greueltaten begangen zu haben als Gruppensex, Sodomie und Spanking (man bedenke, nichts davon ist heute bei uns noch eine Straftat, sofern es freiwillig und unter Erwachsenen praktiziert wird), starb im Dezember 1814 in einer Irrenanstalt. Sein Einfluss war jedoch bereits allgegenwärtig.

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Extrempersonen

Ich bin keine Ärztin, keine Journalistin, keine Therapeutin, keine Anwältin. Ich bin Webpublisherin, Betroffene einer psychischen Erkrankung und mit einem unbelehrbaren Idealismus gesegnet (und manchmal auch gestraft).

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