Kinder ohne Freunde

Kinder ohne Freunde

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Stell Dir vor, Du musst 30 Stunden pro Woche an einem Ort verbringen, an dem viele Gleichaltrige sind und keiner davon kann dich leiden. Das ist leider die Realität für viele Kinder ohne Freunde. Diese Kinder werden bei Umfragen nach den drei besten Freunden innerhalb einer Schulklasse von keinem anderen Kind gewählt. Diese Kinder sind besonders einsam und viele Studien haben bereits belegt, dass sie mit grosser Wahrscheinlichkeit in ihrem späteren Leben massive Probleme haben werden.

Was ist ein Soziogramm?

In der Schweiz ist es durchaus üblich, dass die Lehrperson regelmässig ein Soziogramm der Klasse erstellt. Generell geschieht dies, indem die Kinder aufgefordert werden, jeweils die Namen der drei Schulkameraden die sie am meisten mögen und jener die sie am wenigsten mögen, auf einen Zettel zu schreiben.

Nach der Auswertung lassen sich die Kinder in verschiedene Gruppen einteilen:

populärwerden von vielen anderen gemocht und nur selten abgelehnt
nicht beachtetwerden weder in der Gruppe der gemochten, noch in der Gruppe der abgelehnten Kinder besonders oft genannt
abgelehntwerden von vielen anderen als eines der drei Kindern benannt, die sie am wenigsten mögen
umstrittenrufen beides hervor: sie werden von einigen wenigen sehr und von ein paar anderen gar nicht gemocht
durchschnittlicherreichen eine gute Mischung von Peers die sie mögen und solchen die sie ablehnen

Mögliche Folgen der Ablehnung

Ausgeschlossene Kinder werden mit einer vielzahl an kurzfristigen und längerfristigen Schwierigkeiten konfrontiert. Sie erleben starke Gefühle der Einsamkeit und sozialer Unzufriedenheit. Ihre Selbstachtung leidet und sie trauen sich weniger zu als ihre Altersgenossen.

Anhand des sozialen Status eines Kindes lassen sich sogar erschreckend präzise Prognosen machen ob es zu einem Schulabbruch, kriminellem Verhalten oder psychischen Problemen im Erwachsenenalter kommt.

Hier gilt es anzumerken, dass die meisten Kinder kurze Zeitspannen ohne Freunde durchaus unbeschadet überstehen können. Wer im Soziogramm der Klasse jedoch während der gesamten Schulzeit den Status „nicht beachtet“ oder gar „zurückgewiesen“ behält, wird diese traumatische Erfahrung kaum unbeschadet überstehen.

Eine Studie (Cowen, Pederson, Babigian, Izzo, & Trost, 1973) hat ergeben, dass der Status innerhalb der Klasse während den ersten drei Schuljahren, ein zuverlässigerer Indikator für spätere psychische Probleme ist, als dies Parameter wie I.Q., Schulleistung, Lehrerbeurteilungen, Ergebnisse eines Persönlichkeitstests oder häufige Nichtanwesenheit in der Schule sind.

Eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung ist eine der häufigsten Folgen.

Unterstützung für Kinder ohne Freunde

Unter diesen Voraussetzungen wäre es nur logisch, wenn man bereits während der Schulzeit versuchen würde, diesen Kindern gezielt zu helfen. Das dies erfolgreich möglich ist, wurde ebenfalls untersucht und gilt als belegt. Trotzdem scheint es, mit ganz wenigen Ausnahmen, dass Lehrer das Problem entweder nicht erkennen oder es nicht für wichtig genug erachten.

Lehrpersonen erstellen Soziogramme, aber praktisch nie ergreifen sie danach konkrete Massnahmen. Die Aussenseiter sind jedoch nicht in der Lage, sich selbst zu helfen und es wird Zeit, dass Lehrkräfte wie auch Eltern Verantwortung übernehmen.

Bevor man helfen kann, gilt es zu klären, warum manche Kinder von Gleichaltrigen abgelehnt werden.

Mögliche Faktoren für Ablehnung durch Peers

Sozialverhalten

Manche Kinder verhalten sich aggressiv oder störend und erregen so das Missfallen ihrer Klassenkameraden. Andere vermeiden soziale Interaktionen und ziehen sich zurück und reduzieren so ihre Möglichkeiten Freundschaften zu knüpfen und akzeptiert zu werden.

Schwierigkeiten oder mangelnde soziale Kompetenzen wiederum können unterschiedliche Ursachen haben. Einige Kinder sind von Natur aus eher ängstlich und schüchtern, andere hatten nicht ausreichend Unterstützung und Möglichkeiten effektive Interaktionsstrategien zu lernen.

Anderssein

Wer anders ist als die anderen wird oft ausgeschlossen. Dieses Anderssein kann sich auf körperliche Merkmale beziehen (Grösse, Übergewicht, Brille, Zahnspange), auf den ethnischen oder kulturellen Hintergrund (Kinder von Einwanderen) oder auch den sozialen Status der Familie (Arbeiterklasse, Armut).

Familiäre Probleme

Probleme innerhalb der Familie führen oft zu Schwierigkeiten sich in der Schule angemessen zu integrieren. Auf Suchterkrankung, psychische Probleme, gesundheitliche Probleme oder Scheidung der Eltern, reagieren viele Kinder mit Trauer und Wut, womit sie sich zusätzlich zu den Belastungen zuhause, bei ihren Mitschülern unbeliebt machen.

Ebenso schämen sich Kinder mit familiären Problemen oft, Freunde mit nach Hause zu bringen und dies wiederum erschwert es ihnen, enge Freundschaften zu schliessen.

Schlechter Ruf

Viele Kinder werden im aktuellen Schuljahr schlicht abgelehnt, weil sie es in den Jahren davor auch schon wurden. Sie haben den Ruf als Aussenseiter, den sie selbst dann nicht mehr loswerden, wenn sie all die zuvor genannten Ursachen überwunden haben.

Konkrete Unterstützung

Die erfolgreichsten Strategien und Methoden diesen Kindern zu helfen berücksichtigen besonders ihre Bedürfnisse.

Soziale Fertigkeiten gezielt trainieren

Kindern, deren soziale Interaktionsstrategien Ablehnung hervorrufen, können gezielt darin gefördert werden, ihre sozialen Fertigkeiten zu trainieren. Dies hat immer kritikfrei zu geschehen, da ansonsten mehr Schaden angerichtet als Hilfe geboten wird.

So ist es beispielsweise möglich, einen Brettspiel-Nachmittag zu organisieren. Kinder mit Defiziten bekommen zuvor ein wohlwollendes Coaching und einfache Handlungsanweisungen wie

  • beteilige dich aktiv und aufmerksam am Spiel
  • teile die Spielsachen mit den anderen
  • versuche eine Alternative vorzuschlagen, falls es Uneinigkeit gibt über die Spielregeln
  • rede mit deinen Mitspielern; stelle ihnen Fragen und hör aufmerksam zu, wenn sie erzählen und erzähle auch etwas von dir oder sag allen etwas nettes, sofern du es auch ernst meinst
  • lächle hin und wieder und hab Spass am Spiel
  • biete deine Hilfe an; ermutige deine Mitspieler

Es hat sich gezeigt, dass bereits ein einziger Workshop dieser Art, das Soziogramm einer Klasse nachhaltig verändern kann. Wird der Anlass im Abstand einiger Monate wiederholt durchgeführt, sind die Effekte noch spektakulärer und nachhaltiger.

Und dies ist nur eine von vielen Möglichkeiten auf die eine Lehrperson zurückgreifen kann!

Beratung und Intervention

Wenn die Probleme mit den Peers in Zusammenhang stehen mit Problemen mit der schulischen Leistung, kann gezielter Förderungs- oder Nachhilfe-Unterricht helfen.

Probleme im familiären Umfeld können meist nicht einfach behoben werden. Es ist jedoch sehr ratsam dafür zu sorgen, dass das Kind von entsprechenden Fachpersonen und -stellen unterstützt wird. Verpassen die Eltern dies, muss die Schule bzw. der Klassenlehrer tätig werden und das Gespräch mit den Eltern suchen. Ist dies nicht erfolgreich, kann beim Kinder- und Jugendschutz angefragt werden.

Für positive soziale Erfahrungen sorgen

Für Kinder mit schlechtem Selbstwertgefühl können grosse Gruppen oft bedrohlich wirken. Auch schüchterne Kindern können in kleineren Gruppen meist besser aus sich hinaus gehen. Eltern können ihre kleinen Aussenseiter motivieren Kollegen nach Hause einzuladen oder eine Freizeitaktivität anbieten, die es dem Kind ermöglichen ausserhalb des schulischen Kontext gute Erfahrungen mit Gleichaltrigen zu machen.

Persönliches Fazit

Eigentlich wäre es so leicht etwas zu tun und trotzdem wird oft genug einfach nichts unternommen.

Ich habe dies nicht nur während meiner eigenen leidvollen Schulzeit erfahren, sondern auch über ein Jahrzehnt später während diverser Praktika im Rahmen der Lehrerausbildung.

Oft genug wurde ich von Lehrpersonen belehrt, dass dies eben normale Gruppendynamik sei und man da nichts machen könne. Es gäbe halt immer einige Beliebte und einige Unbeliebte in einer sozialen Gruppe.

Ach ja? Hausaufgaben nicht gemacht liebe Lehrkräfte und den Preis für eure Unwissenheit, eure Gleichgültigkeit und oft genug auch eure Faulheit zahlen dann eure Aussenseiter ein Leben lang.

Eine Schande!


Fachartikel Download

Steven R. Asher, Gladys A. Williams: Helping children without friends in home and school contexts

Christine B. Buron: Children’s Peer Relationships

Die Fachartikel sind etwas älter und daher sind die Kopien relativ schlecht, aber durchaus noch lesbar und vorallem lesenswert. Diese Artikel sind englisch.

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Helena

Ich habe leider auch nicht den Eindruck, dass für die Aussenseiter in unseren Schulen irgendwas getan wird. Offenbar nehmen Lehrkräfte dies oft tatsächlich nicht als Problem wahr. Oder noch schlimmer: Meine Tochter ist seit dem Kindergarten eine Aussenseiterin. Sie ist ein Kopfkind und etwas pummelig. Besonders wegen dem Übergewicht wurde sie häufig verspottet und abgewertet. Als ich das Problem bei ihrem Klassenlehrer angesprochen habe, hat er mir elegant zusammengefasst in etwa das gesagt: Ihre Tochter ist selber schuld und sie sind eine scheiss Mutter. Wenn ihre Tochter unter ihrem Übergewicht leidet muss sie halt abnehmen.“ …ich habe es gelassen ihn darauf hinzuweisen, dass meine Kleine nicht unter „ihrem Übergewicht“ leidet, sondern unter den ständigen Angriffen ihrer MitschülerInnen.  😡 

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Takeshi

Ich habe leider auch den Eindruck, dass Kinder ohne Freunde in der Gesellschaft wahrgenommen werden.

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