Introvertierte Kinder besser verstehen

26.07.2021
Introvertierte Kinder besser verstehen

Wenn man nach Ursachen für eine Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung forscht, trifft man bald auf ewig kritisierende Eltern. In meinem persönlichen Fall war der Stein des Anstosses meine Introvertiertheit. Besonders meine extrovertierte Mutter hatte grosse Mühe damit, mich so anzunehmen wie ich bin. Viele meiner Verhaltensweisen als introvertiertes Kind, hat sie schlicht falsch verstanden. Ich hatte immer das Gefühl, dass ich falsch bin, wie ich bin und das meine Eltern deswegen enttäuscht sind von mir.

Mitte Zwanzig wurde bei mir schliesslich eine ÄVPS diagnostiziert. Obwohl ich von einer Psychotherapie sehr profitiert habe, war es kein Psychiater oder Psychologe, der mir schlussendlich dabei geholfen hat, meine ÄVPS besser zu verstehen und mich positiv zu verändern: Dieser Lehrmeister war mein eigener kleiner Sohn, der ganz offensichtlich meine Introvertiertheit geerbt hat.

Durch ihn habe ich angefangen, mich mit dem Thema zu beschäftigen. Ich wollte (und will) ein guter Vater sein und nicht die Fehler meiner Eltern wiederholen. Gerne teile ich hier als Gastautor meine Erkenntnisse zu introvertierten Kindern.

Introvertierte Kinder und ihre Besonderheiten

Introvertierte Kinder neigen dazu, sich auf Gedanken, Gefühle und Stimmungen zu konzentrieren, die von innen kommen. Das Mädchen, dass auf der Geburtstagsparty der Klassenkameradin weint, obwohl es teilnehmen wollte und ohne, dass ihm jemand weh getan hätte. Der Junge, der es geniess mit seinem Fahrrad allein die Gegend zu erkunden, anstatt der örtlichen Fussballmannschaft beizutreten. Das sind die introvertierten Kinder.

Laut Rosario Cabello, Psychologin von der Universität Kastilien-La Mancha, Spanien, haben introvertierte Menschen unterschiedliche soziale Bedürfnisse. Sie sehen vielleicht weniger fröhlich oder weniger glücklich aus, tatsächlich sind sie schlicht auf ihre eigene Weise glücklich.

Hier sind einige der gemeinsamen Merkmale von introvertierten Kindern:

Sie neigen dazu, Gefühle für sich zu behalten

Introvertierte Kinder behalten ihre Gefühle (positive und negative) lieber für sich. Sie neigen dazu, mit sich selbst zu „sprechen“, um eine Lösung zu finden, ihre Emotionen zu kontrollieren und inneren Frieden zu finden.

Daher muss man sich keine Sorgen machen, wenn man beobachtet, das manche Kinder lieber mit sich selbst oder ihren Spielsachen sprechen.

Sie verhalten sich normalerweise so, weil sie ihre Emotionen ausdrücken wollen, ohne sich von anderen bewertet zu fühlen. Als Kind, das von seiner Familie oft schlecht/falsch behandelt wurde, erinnere ich mich lebhaft daran, dass ich jedes Mal, wenn mich zu Hause jemand verspottete, mein Herz meinem Kuscheltier ausgeschüttet habe.

Introvertierte Kinder scheinen sich von anderen Menschen zurückzuziehen

Wie oben erwähnt, sind introvertierte Kinder oft allein und einige von ihnen scheinen sich sogar einsam zu fühlen, wenn sie mit vielen Menschen zusammen sind. Dies gilt insbesondere für Menschen, die das Kind nicht gut kennt. Das ist mir immer passiert. Bei sozialen Veranstaltungen in der Schule habe ich öfters mitbekommen, dass andere hinter meinem Rücken flüsterten, dass ich wie einsamer Fremder wirke, verwirrt aussah oder in meiner eigenen Welt verloren. Den Spruch „Erde an Patrick“ habe ich in meiner Kindheit und Jugend so oft gehört, dass ich heutzutage direkt mit: „Keine Verbindung möglich“, antworte.

Introvertierte Kinder fühlen sich oft müde, wenn sie mit neuen Menschen interagieren oder von vielen Menschen umgeben sind. Ausserdem haben sie nicht das Bedürfnis, viele Freunde zu haben.

Sie wirken an unbekannten Orten oft pingelig oder kleinlich

Erinnern wir uns an das Mädchen, welches auf der Geburtstagsfeier der Schulkollegin ohne ersichtlichen Grund weint. Gerne erklären sich Dritte dies damit, dass das Mädchen halt zu heikel oder zu überempfindlich sei.

Introvertierte Kinder sind nicht heikel

Introvertierte Kinder brauchen Zeit, um allein zu sein, damit sie ihre neuen Erfahrungen und Gefühle verdauen können. Wenn sie mit einer Reihe von Aktivitäten oder einer Situation konfrontiert sind, in der sie mit vielen neuen Leuten interagieren müssen, haben sie nicht genug Zeit, um die Erfahrung zu verarbeiten. Dadurch fühlen sie sich unwohl und werden launisch.

Introvertierte Kinder zeigen Emotionen oft nicht

Wutanfälle und Angstausbrüche sind nichts womit introvertierte Kinder Probleme machen. Sie behalten ihre Emotionen für sich, auch negative Gefühle merkt man ihnen oft nicht an.

Daher sind sich Eltern von introvertierten Kindern oft gar nicht bewusst, was ihr Kind in der Schule erlebt hat. Das Kind kommt vielleicht mürrisch nach Hause und geht direkt in sein Zimmer. Wenn es dabei auch noch die Begrüssung seiner Mutter ignoriert, kann das sogar dazu führen, dass sich Eltern über das Kind ärgern. Dass das Kind vielleicht in der Schule gemobbt wurde und Hilfe benötigt, kann einem leicht entgehen.

Zum Vergleich: Extrovertierte Kindern zeigen direkt, was ihnen auf dem Herzen liegt. Ihre Mimik, ihre Worte und ihre ausgelebten Emotionen machen dies deutlich. Introvertierte ticken vollkommen anders: Sie empfangen Reize von aussen, halten sie fest und sind dann eine Weile innerlich mit der Verarbeitung beschäftigt, bevor sie entscheiden, wie sie darauf reagieren. Das führt dazu, dass sich introvertierte Kinder ihren Eltern nicht unbedingt anvertrauen, wenn sie eine schwierige Zeit haben.

Introvertierte sind gute Beobachter

Anstatt mit anderen Menschen zu interagieren, ziehen es diese Kinder vor, ruhig zu sein und einfach nur darauf zu achten, was andere tun. Still beobachten und studieren sie die Situation und den Charakter der Menschen um sie herum. Dies macht sie zu ausgezeichneten Beobachtern, die oft mehr wahrnehmen als Menschen die aktiv am Geschehen teilnehmen.

Introvertierte lieben es, das Leben anderer Menschen indirekt zu beobachten. Viele lieben es Filme zu sehen, Biografien oder zufällige Geschichte über einzigartige Menschen zu lesen.

Sie mögen keinen Augenkontakt

Besonders bei Menschen die sie nicht gut kennen, vermeiden introvertierte Kinder Augenkontakt. Ein Verhalten das manchmal unbeabsichtigt ignorant oder sogar arrogant erscheint. Dieser Eindruck ist jedoch falsch. In Wahrheit fühlen sie sich einfach nicht wohl dabei, anderen Menschen in die Augen zu sehen.

Tatsächlich versuche sie nur sich selbst zu schützen: Sie möchten sich nicht durch die Anwesenheit anderer eingeschüchtert fühlen.

Sie sind wachsame Denker

Diese Kinder ziehen meist alle Details und Zusammenhänge in Betracht, bevor sie eine Entscheidung treffen. Dies gilt besonders, wenn andere Menschen von ihrer Entscheidung betroffen sind.

Introvertierte Kinder sind wachsame Denker

Mein introvertierter Sohn hat es letztlich fast zwei Wochen lang versäumt, mir oder seiner Mutter Bescheid zu sagen, dass wir uns bei der Schule für ein Elterngespräch melden sollen. Als ich ihn gefragt habe, was los war, hat er erklärt, dass er auf den richtigen Zeitpunkt gewartet hat. Er hat wahrgenommen, dass ich und seine Mutter gerade eine stressige Zeit hatten und wollte uns nicht mit einer zusätzlichen Aufgabe belasten.

Introvertierte Kinder mögen es gar nicht, im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen

Bringen wir es auf den Punkt: Introvertierte Kinder hassen es, wenn die Augen aller Menschen auf sie gerichtet sind. Sie versuchen dies daher zu vermeiden.

Auch hier habe ich ein Beispiel aus der Erfahrung mit meinem Sohn, der ein ziemliches Mathe-Talent besitzt. Nach einer besonders herausragenden Leistung hat der Lehrer diese vor der ganzen Klasse gelobt. Das war gut gemeint, hat aber direkt dazu geführt, dass mein Sohn in bei der nächsten Prüfung schlecht abgeschnitten hat. Nicht etwa, weil er den Aufgaben nicht gewachsen war, sondern weil er nicht wieder im Scheinwerferlicht stehen wollte.

So wie mein Sohn ticken viele introvertierte Menschen: Sie mögen in bestimmten Bereichen überdurchschnittlich gut sein, scheinen jedoch gegenüber ihren Leistungen cool bis gleichgültig. Man denke an Personen wie Bill Gates, der sich vor der Kamera nie wohl gefühlt hat. Ich persönlich glaube, Bill Gates ist ein gutes Beispiel für einen introvertierten Menschen, der in einer gesunden Familie und in einer unterstützenden Umgebung aufgewachsen ist.

Abschliessende Gedanken

Ich bin der Meinung, dass es introvertierte Kinder in unserer Zeit schwer haben. Dies ganz besonders, wenn ihr Umfeld oder ihre Familie sie nicht so annimmt, wie sie sind und sie nicht optimal gefördert werden. Viele Eltern (meine inklusive), machen den Fehler aus ihrem introvertierten Kind ein extrovertiertes machen zu wollen. An mir selber wurde eigentlich immer nur rumgenörgelt.

Meine Eltern haben mit ihrer Kritik an meiner Art und meinem Verhalten grossen Schaden angerichtet. Ich selber habe vieles erst deutlicher gesehen und besser verstanden, als mein introvertierter Sohn in mein Leben getreten ist.

Ich konnte mittlerweile sogar meinen eigenen Eltern vieles vergeben, da ich begriffen habe, dass sie es wirklich nicht besser wussten. Niemand hat ihnen jemals erklärt, dass Introvertiertheit bei einem Kind kein Mangel ist, sondern erst zum Mangel wird, wenn Eltern falsch damit umgehen.

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Christkindchen

Abgesehen davon, dass meine Eltern noch viele andere Fehler begangen haben (okay, nobody is perfect ), haben sie auch mich nicht richtig eingeschätzt. Ich war tatsächlich die, die sich in Büchern vergraben und lieber allein gespielt hat. Ich war einfach nicht das aufgeschlossene fröhliche Vorzeigekind, wie etwa meine beiden jüngeren Schwestern. Auch die Sympathien meiner Verwandten wie Tanten und Onkeln lagen bei meinen Schwestern. Ich galt als langweiliger Stubenhockerin, und auch Körperkontakte wie erzwungene Küsschen und Umarmungen waren absolut nicht mein Ding. Meine Mutter war eine lebenslustige und fröhliche Frau, die sich gern in Gesellschaft aufhielt, bevor sie von meinem Vater gebrochen wurde. Sie hat mich nie verstanden, ich musste mir Vorwürfe wie „kalt wie Eis“, „geizig“, „unnahbar“, “ ungesellig“ usw gefallen lassen. Einmal hat sie sogar gesagt, dass sie nicht versteht, so eine gefühlskalte Tochter zu haben, wo sie selbst doch ganz anders sei.Auch aus anderen Gründen denke ich bis heute von mir, dass ich nicht richtig bin, und ich fühle mich überall fehl am Platz. Permanent achte ich im Umgang mit anderen Menschen darauf, nicht anzuecken oder etwas falsches zu sagen oder zu tun. Das ist sehr anstrengend und kostet sehr viel Kraft.Trotz aller Vorsicht kommt es aber trotzdem vor, dass es passiert, was mir den Zorn der anderen einbringt .Das ist für mich ein Weltuntergang, weil es bestätigt, dass ich ein einziger Fehler bin. Ich habe mehrere kognitive Verhaltenstherapien hinter mir, und es ging mir auch einige Zeit besser, bis…. ich wieder den Vorwurf hörte, ich gehe anderen auf die Nerven und schade ihnen. Weil ich aber seltsamerweise trotzdem eine Menschenfreundin bin, ziehe ich mich nicht deshalb zurück, um nicht wieder verletzt zu werden, sondern weil ich fürchte, allein durch meine Anwesenheit wieder anderen zu schaden, und das ist das letzte was ich will.

Trixi

Es ist immer wieder erstaunlich, wie viele Gemeinsamkeiten mit anderen Benutzern dieser Seite ich feststelle. Bei mir war es in meiner Kindheit ganz ähnlich. Ich bin selber sehr ausgeprägt introvertiert, wie es auch mein Vater war. Meine Mutter hingegen war extrovertiert und hatte null Verständnis. Leider hatte (und hat bis heute) sie auch die Tendenz, Menschen die sie nicht versteht oder die anders ticken aufs grausamste abzuwerten. Neben „kalt wie ein Fisch“ und „ungesellig“ war „langweilig“ ihr Lieblingsvorwurf. Sie hat nie begriffen, dass manche Menschen mit einem guten Buch genau so viel Spass haben können wie sie bei einem geselligen Abend.
Bei mir hat es lange gedauert, bis ich begriffen habe, dass nichts verkehrt ist daran, introvertiert zu sein. Gerade bei meinen Eltern sehe ich heute, dass es eigentlich die Extrovertierten sind, die wahnsinnig viel verpassen, wenn sie nicht fähig sind, ihren introvertierten Mitmenschen in ihre Gedankenwelt zu folgen.
Es ist wirklich tragisch, wenn man neben einer biologischen Veranlagung die einem für ÄVPS prädestiniert, dann auch noch in einem giftigen Umfeld aufwachsen muss.

Angelika

Mein Tochter war und ist ebenfalls sehr introvertiert. Ich habe wohl als Mutter in dieser Hinsicht selbst viele Fehler gemacht. Leider hatte ich damals nicht die Möglichkeit Beiträge wie diesen zu lesen und zu erfahren, wie man es besser macht.
Trotz Schuldgefühlen habe ich viel gelernt. Danke!