Fantasie Flucht Sucht

Fantasie: Flucht oder Sucht?

Sich mit Fantasie dem Alltag zu entziehen und sich eine andere Welt vorzustellen, ist für die meisten von uns eine normale Aktivität. Schon in jungen Jahren lernen wir, uns Dinge wie Freunde, Erfolg und Chancen vorzustellen, und manchmal arbeiten wir sogar daran, dies zu verwirklichen.

Eine Flucht in die Fantasie kann manchmal ein gesunder, produktiver Weg sein, um Schwierigkeiten, Depressionen, Enttäuschungen und mangelnde Chancen selbst in den Griff zu bekommen. Einige Psychologen glauben, dass ein überhöhtes Gefühl des Optimismus den meisten Menschen hilft, mehr zu bewältigen und zu erreichen, als wenn sie realistische Erwartungen an die Zukunft hätten. Umgekehrt wird angenommen, dass eine klinische Depression tatsächlich eine Form des „depressiven Realismus“ ist – ein Verlust der Fähigkeit zu glauben oder zu hoffen, dass die Dinge besser werden, als es wahrscheinlich ist.

Die Flucht in die Fantasie ist manchmal in Kulten und Religionen zu beobachten, in denen Menschen die Identität einer anderen Person annehmen und gar zu glauben beginnen, dass sie nicht für die Konsequenzen ihrer eigenen Handlungen verantwortlich sind. Das kann bei Sportfans beobachtet werden, die ihre emotionalen Reaktionen auf die Leistung ihrer Mannschaft oder ihres Lieblingsspielers abstimmen – sie nehmen deren Niederlagen persönlich und feiert deren Siege, als wären es seine eigenen.

Die Flucht in die Fantasie bekommt Krankheitswert, wenn sie chronisch oder systematisch die Fähigkeit oder die Bereitschaft eines Einzelnen beeinträchtigt, Verantwortung für sein eigenes Handeln zu übernehmen und wichtige Entscheidungen zu treffen, die sich auf seine Zukunft auswirken.

Bei Personen mit Persönlichkeitsstörungen ist die Flucht in die Fantasie eng mit Verleugnung und Dissoziation verbunden, bei der das Individuum Fakten chronisch durch Gefühle ersetzt.

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Wie zeigt sich das?

  • Ein Mann vernachlässigt seine Arbeit und verbringt viel Zeit und Energie damit, eine fiktive Online-Figur zu entwickeln.
  • Eine Frau verbringt viel Zeit damit, ihr zukünftiges Leben als Filmstar zu planen.
  • Ein ruhiger und schüchterner Mann nimmt eine andere aggressive Identität an, wenn er sich in der Anonymität eines Sportpublikums verbirgt.
  • Eine Frau, die sich von ihrer Familie zurückzieht, übt heimlich impulsive, promiskuitive sexuelle Aktivitäten mit Fremden aus.
  • Ein Mann behauptet, dass sein neuer religiöser Glaube mühelos sein destruktives Verhalten oder seine schlechten Entscheidungen kompensieren wird.

Wie fühlt sich das an?

Angehörige einer Person, die sich chronisch in die Fantasie flüchtet, fühlen sich oft machtlos und haben den Eindruck, dass sie die Person gar nicht mehr wirklich erreichen.

Missbrauchsopfer ziehen sich häufig in ihre eigenen Fantasien zurück, in denen sie sich ein besseres, sichereres und erfolgreicheres Leben vorstellen. Die Gefahr besteht darin, dass das Missbrauchsopfer die Realität systematisch durch Fantasie ersetzt, was verhindern kann, dass es konstruktive Entscheidungen trifft oder missbräuchlichen Umgebungen entgeht.

Die Flucht in die Fantasie kann auch ein Grund dafür sein, dass die Angehörigen des Täters trotz aller Beweise der Ansicht sind, dass nichts falsch ist. Diese Haltung kann für Missbrauchsopfer ansteckend sein und zu einer weiteren Trennung von der Realität der Situation führen.

Lernen, damit umzugehen

Ein bisschen Fantasie kann Spass machen und therapeutisch wirken – das Wichtigste ist, dass man sich bei grossen und wichtigen Entscheidungen auf die Realität stützt. Es ist auch wichtig, Fantasie und Fakten voneinander trennen zu können, um den Charakter, die Worte und die Taten eines Angehörigen mit Persönlichkeitsstörung zu verstehen. Ein guter Therapeut kann helfen, die Realität im Griff zu behalten, wenn es verwirrend wird.

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Im Umgang mit einem Partner oder Familienmitglied, das in der Fantasie versunken ist, ist es wichtig, selbst an der Realität festzuhalten und sich der Tendenz zu widersetzen, wertend zu werden. Es ist besser, nicht zu versuchen, eine andere Person der Gedankenpolizei zu überlassen, sondern ihnen die Freiheit und Würde zu geben, zu denken, zu glauben und zu fühlen, was immer sie wollen. Es ist jedoch auch wichtig, die Grenze zwischen Handlungen oder Entscheidungen dieser Person zu ziehen, die Ihre eigene Sicherheit, Freiheit oder Würde verletzen.

Was man NICHT tun sollte

  • sich nicht schuldig fühlen wegen eigenen Fantasien – sie sind eine normale Art, mit Stress und Schwierigkeiten umzugehen.
  • erlauben, dass Fantasien – die eigenen oder die von anderen – die eigene Sicherheit, Freiheit oder Würde verletzen.
  • erlauben, dass Fantasien als Wahrheit akzeptiert werden.
  • Verantwortung für das Verhalten einer anderen Person übernehmen, nur weil diese ihre eigene Verantwortung wegfantasiert.
  • davon ausgehen, dass die Fantasie einer Person zu 100% genau das widerspiegelt, was sie glaubt. Viele Fantasien sind vorübergehende mentale Abweichungen von der Realität.

Was man tun sollte

  • daran arbeiten, Fakt und Fiktion im eigenen Leben zu trennen.
  • Fantasien aufschreiben, denn dadurch kann man sie objektiver betrachten.
  • Schritte unternehmen um Fantasien in denen es darum geht, ein besseres und gesünderes Leben frei von Missbrauch zu führen, wahr werden zu lassen.
  • sich regelmässig von einem guten Freund oder Therapeuten beraten lassen.
  • Seine eigenen Probleme bearbeiten und die Verantwortung dafür nicht auf andere abschieben.
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Cafelatte

realität ist so relativ

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