Umgang mit Entfremdung

30.06.2021
Was ist Entfremdung?

Der Akt, die Beziehungen eines Individuums zu anderen abzuschneiden oder zu stören. Die Entfremdung kann absolut sein, wenn alle Beziehungen des Opfers gleichermassen sabotiert werden, oder sie kann auf eine bestimmte Art von Beziehung abzielen. Entfremdung ist eine Form psychischer Gewalt und Misshandlung.

Zum Beispiel kann das Opfer von sozialen Freundschaften abgeschnitten werden; Familienbeziehungen; beruflichen Beziehungen; vom Kontakt mit Mitgliedern einer Gruppe, eines Clubs oder einer Organisation; oder vom Kontakt mit Mitgliedern eines bestimmten Geschlechts, einer bestimmten Rasse, eines bestimmten sozialen Status oder einer bestimmten Religion.

Betroffene einer Persönlichkeitsstörung können heftig reagieren, wenn ihre Opfer soziale Beziehungen ausserhalb des Hauses haben. Möglicherweise versuchen sie, diese Beziehungen zu unterbrechen, indem sie sich schockierende Geschichten über die aussenstehende Person ausdenken. Der/die Angehörige kann mit Konsequenzen oder Strafen konfrontiert werden, wenn er/sie Kontakt zu einer Person aufnimmt oder aufrechterhält, die nicht auf der „genehmigten“ Liste steht.

Oft werden Partner unter Druck gesetzt, den Kontakt zu ihren eigenen Geschwistern, Eltern oder Grossfamilien zu vermeiden. Berufliche Beziehungen können auch das Ziel von Entfremdungsangriffen durch eine Person mit einer Persönlichkeitsstörung sein.

Die häufigste Form der Entfremdung ist die Entfremdung der Eltern, bei der ein Elternteil versucht, die Beziehung seines Kindes zum anderen Elternteil zu sabotieren. Dies kommt häufig vor, wenn man sich von jemandem scheiden lässt, der an einer Persönlichkeitsstörung leidet.

Die Entfremdung kann offen oder verdeckt sein

Bei offener Entfremdung weiss das Opfer, dass der Täter eine Beziehung  missbilligt. Es kann mit Androhungen von Konsequenzen oder einem System von Belohnungen und Strafen konfrontiert werden, um den Kontakt zu verringern oder abzubrechen.

Bei verdeckter Entfremdung ist sich das Opfer der Aktivitäten des Täters nicht bewusst. Der Täter kann versuchen, die Gewohnheiten des Opfers subtil zu manipulieren, um die Häufigkeit des Kontakts mit einer anderen Person unter Verwendung von Ablenkungen zu verringern. Der Täter kann auch Lügenkampagnen oder Manipulationen einsetzen, um Freunde oder Familienangehörige vom Kontakt mit dem Opfer abzulenken. Der Missbraucher kann auch Dritte einspannen, um eine Beziehung zu sabotieren oder zu gefährden.

Wie es sich anfühlt:

Entfremdung ist eine Form von emotionalem Missbrauch. Wir brauchen soziale Kontakte, um einen gesunden emotionalen Zustand aufrechtzuerhalten, genauso wie unser Körper Nahrung und Wasser benötigt. Wenn wir sozial unterernährt sind, können wir Symptome von Depressionen entwickeln, wie Ärger, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit oder niedrige Energie.

Wenn uns jemand den Zugang zu Angehörigen, Freunden und Familienmitgliedern verweigert, kann dies genauso schädlich sein wie die Verweigerung körperlicher Bedürfnisse wie Schlaf und Ernährung.

Wenn wir auf diese Weise missbraucht werden, sind wir anfällig dafür, schlechte persönliche Entscheidungen zu treffen. Es kann passieren, dass wir auf  ineffektive Verhaltensweisen zurückgreifen und versuchen, das Problem mit Ärger, Vergeltung, Betteln, Verhandeln oder Herumschleichen zu lösen.

Wenn wir einer chronischen Entfremdung ausgesetzt sind, durchlaufen wir die klassischen fünf Phasen der Trauer: Wut, Verleugnung, Verhandlung, Depression und Akzeptanz. Sobald wir die Akzeptanz erreicht haben, neigen wir dazu, den Missbrauch zu dulden und uns selbst das zu verweigern, was wir am meisten brauchen, um gesund zu werden. Wir vermeiden den Kontakt mit Aussenstehenden, verteidigen unsere Position und vertuschen unsere Notlage gegen aussen. Dieser Prozess wird manchmal als erlernte Hilflosigkeit oder Stockholm-Syndrom bezeichnet.

Umgang mit Entfremdung – Was Du NICHT tun solltest:

  • Glaube niemandem, wenn er sagt, dass du keinen sozialen Kontakt mit anderen Menschen brauchst.
  • Gib nicht dem Druck nach, einen geliebten Menschen, ein Familienmitglied oder einen Freund nicht mehr zu sehen.
  • Gib keinem unangemessenen Druck nach und verzichte nicht auf Gruppenaktivitäten, die gut für Dich sind.
  • Räche dich nicht oder versuche, jemanden zu „besiegen“, der versucht, deine Beziehungen zu sabotieren.
  • Mach Dir keine Illusionen, dass es mit der Zeit besser wird oder dass es vorübergeht – Entfremdung ist etwas, mit dem Du dich schnell auseinandersetzen und es beheben musst.
  • Rede Dir nicht ein, dass Du damit allein fertig werden kannst oder musst: Einzelhaft kann den entschlossensten Geist brechen.
  • Schleiche nicht herum oder verstecke Deine sozialen Kontakt, nur um Konflikte zu vermeiden. Soziale Bedürfnisse sind Rechte, auf die Du bestehen musst.
  • Rede Dir nicht ein, dass Du den geliebten Menschen, der an einer Persönlichkeitsstörung leidet, heilen musst. Du kannst niemanden reparieren und wirst Dich und die andere Person nur frustrieren, wenn Du es versuchst.

Umgang mit Entfremdung – Was Du tun solltest:

  • Hol Dir Unterstützung – sprich mit einem Freund oder Therapeuten und beschreibe, womit Du es zu tun hast. Brich die Stille und hol Dir einen Realitäts-Check und ein konstruktives Feedback.
  • Sprich mit den Menschen, von denen Du ferngehalten werden sollst. Dies erfordert Mut, ganz besonders wenn Dein Angehöriger mit PS Dich bei diesen Menschen in Verruf gebracht hat.
  • Stehe für deine Bedürfnisse ein. Versuch, Deinem Angehörigen mit PS, mit einer ruhigen, aber entschlossenen Haltung entgegenzutreten, und lass nicht zu, dass die Störung eines anderen zu einer Störung in Dir führt. Versuche zu sagen: „Ich sorge mich sehr um Dich – und ich sorge mich auch um meine eigenen Bedürfnisse.“
  • Besuche regelmässig geliebte Freunde. Geh alleine, wenn Dein Angehöriger mit PS nicht mitkommen möchte.
  • Erlaube Dir, die willkürlichen Regeln eines Täters zu brechen und sogar heilige Kühe zu töten, um gesunde Aktivitäten zu unternehmen.
  • Feiere das Leben, solange Du die Gesundheit und Kraft dazu hast. Du musst Dich nicht so fühlen und verhalten, wie Dein Angehöriger der an einer PS leidet. Carpe Diem!
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Gewalterfahrungen

Ich bin keine Ärztin, keine Journalistin, keine Therapeutin, keine Anwältin. Ich bin Webpublisherin, Betroffene einer psychischen Erkrankung und mit einem unbelehrbaren Idealismus gesegnet (und manchmal auch gestraft).

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