Einsamkeit und Schmerz

Einsamkeit und Schmerz

Soziale Isolation kann objektiv gemessen werden, in dem man schlicht die Anzahl der sozialen Kontakte zählt. Einsamkeit hingegen ist ein ganz persönliches Gefühl, welches sich einer objektiven Messbarkeit entzieht. Oder etwa nicht?

Gehirnaktivität bei Schmerz

Seit einigen Jahrzehnten ist es Wissenschaftlern tatsächlich möglich, „in unsere Köpfe zu schauen“. Mittels modernen Verfahren wie der Magnetresonanztomografie (MRT) kann bildlich dargestellt werden, welche Bereiche im Gehirn wann aktiviert werden. So hat man unter anderem herausgefunden, was im Hirn passiert, wenn wir Schmerz empfinden.

Dafür hat man den Probanden im „Gehirnscanner“ Schmerzen mittels Thermosonde zugefügt. Die Schmerzschwelle der Haut liegt bei etwa 47° Celsius. Nur ein paar Grad mehr, verursachen sehr unangenehme und intensive Schmerzen, ohne dabei die Testperson zu verletzen.

Beim Menschen der gerade Schmerzen erlebt, sind verschiedene Hirnbereiche aktiv. Erstmal wird nur angezeigt, dass etwas vorliegt und wo (bsp. an der rechten Hand). Dies geschieht in einem Bereich im Gehirn welcher somatosensorischer Kortex genannt wird. Dort zeigt sich kein Unterschied, zwischen geringen und starken Schmerzen. Es ist so, als wäre für diesen Bereich des Gehirns irrelevant, ob nur leichte oder starke Schmerzen empfunden werden.

Die Intensität des Schmerzes, zeigt ein anderer Bereich des Gehirns an (der anteriore zinguläre Kortex). Dieser Bereich ist bei starken Schmerzen viel aktiver als bei leichten Schmerzen.

Auf Kommando einsam?

Während man das, was man im Hirnscan abbilden möchte bei Schmerzen noch relativ einfach herbeiführen kann – im obigen Beispiel mittels Thermosonde an der Hand – wird es bei akuter Einsamkeit schon etwas herausfordender.

Wie bringt man eine Testperson im MRT dazu, sich während der Messung einsam zu fühlen? Findige Wissenschaftler liessen sich dabei von spielenden Kindern inspirieren:

Drei Kinder spielen mit einem Ball und sind fröhlich. Plötzlich kommt es aus irgendeinem ebenso unwichtigen wie sinnlosen Grund zum Streit, es spielen nur noch zwei miteinander, und der Dritte steht abseits und ärgert sich. Er fühlt sich ausgestossen, zurückgelassen, abgelehnt, einsam.

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Nun sind die Röhren dieser Wunderwerke der Technik jedoch ziemlich platzsparend entworfen und es ist zudem erforderlich, dass die Testperson sich während der Messung nicht bewegt. Ballspielen im Hirnscanner ist daher nicht möglich, oder?

Ballspielen im Hirnscanner

Anstatt eines richtigen Balls gibt es im MRT einen Bildschirm mit einem virtuellen Ball. Dem Versuchteilnehmer wird erklärt, dass ausser ihm noch zwei weitere Teilnehmer in anderen Räumen am Experiment teilnehmen.

Zu Beginn des Experiments wird der Versuchsteilnehmer informiert, dass es bei seinem Scanner ein technisches Problem gäbe und er daher noch nicht mitmachen könne. Dies sei jedoch in wenigen Minuten behoben und dann dürfe er ins Spiel einsteigen.

So ist es dann auch und die Versuchsperson kann nun mitspielen; sie bekommt also den virtuellen Ball zugespielt und kann ihn zu einem der anderen beiden Mitspieler werfen.

Nach einer Weile geschieht jedoch folgendes: Plötzlich werfen sich die beiden anderen Spieler den Ball nur noch gegenseitig zu und der Versuchsteilnehmer kann wieder nichts anderes tun als in der ersten Phase: Zuschauen.

Mit einem entscheidenden Unterschied: In der ersten Phase war eine (angebliche) technische Störung der Grund, in der dritten Phase wurde er jedoch von den anderen Mitspielern übergangen und ausgeschlossen. Sein emotionaler Zustand war also in den beiden Phasen des Versuchs ein anderer.

Die Cover-Story (Ballspielen, technischer Fehler am Anfang, dann tatsächlich gemeinsam spielen, dann nicht mehr) verfehlte ihre Wirkung auf den Zustand der Probanden im MRT nicht, wie deren Befragung gleich nach dem Experiment ergab: Sie fühlten sich durch die anderen beiden Mitspieler ausgestossen, was ihnen – je nach Temperament in unterschiedlichem Ausmass – ein unangenehmes, schmerzliches Gefühl bereitete, verlassen worden und daher einsam zu sein.

Gehirnaktivität bei Einsamkeit

Die Frage nach der Lokalisation dieses Gefühls der akuten Einsamkeit im Gehirn liess sich nun dadurch beantworten, dass man die Bilder mit der aufgezeichneten Aktivität des Gehirns aus Phase 1 mit denjenigen aus Phase 3 verglich.

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Bis auf die zusätzliche Einsamkeit in Phase 3 waren die Phasen 1 und 3 vollkommen identisch: Der Proband schaut beim Ballspiel zu und tut sonst nichts weiter. In Phase 3 ist er jedoch darüber hinaus einsam.

Wenn man nun also die Gehirnaktivität in den beiden Phasen miteinander vergleicht, zeigt sich ob und wo sich beim Erleben von Einsamkeit mehr mehr Aktivität im Gehirn zeigt. So lassen sich die Gehirnregionen abbilden, deren Aktivität mit dem Erleben von Einsamkeit zusammenhängen.

Was bei diesem (und ähnlichen) Experiment festgestellt wurde, sollte eigentlich wenig überraschen, tut es aber trotzdem: Man ermittelte eine Aktivierung in zwei Bereichen des Gehirns, die als anteriorer zingulärer Kortex (ACC) sowie als rechter ventraler präfrontaler Kortex bezeichnet werden.

Den ACC kennen wir bereits als Bereich der bei körperlichen Schmerzen aktiv wird. Es liegt also nicht an unserer mangelhaften Fachkenntnis, wenn wir auf dem Bild rechts, welches die Aktivität bei Einsamkeit zeigt, keinen Unterschied zu der Abbildung weiter oben (bei Schmerzen) sehen.

Einsamkeit tut weh

Einsamkeit verursacht Schmerz, der sich auf Ebene des Gehirns nicht von körperlichen Schmerzen unterscheiden lässt.

Dies macht durchaus Sinn, wenn man Schmerz als Warnsignal des Körpers betrachtet, dass etwas wichtiges gerade nicht stimmt. Schmerzempfinden lenkt unsere Aufmerksamkeit auf einen Zusand, bei dem unsere – im Fall der Thermosonde – körperliche Unversehrtheit in Gefahr ist. Im Falle der Thermosonde im Experiment sind zwar keine Folgeschäden möglich, würde die Hand stattdessen eine heisse Herdplatte berühren, hilft der Schmerz dabei, unsere Hand schnellstmöglich in Sicherheit zu bringen und so ernsthafte Verbrennungen zu vermeiden.

Ähnlich verhält es sich bei akuter Einsamkeit: Soziale Bindungen gehören zu den Grundbedürfnissen jedes Menschen. Ihr Fehlen wird daher als Bedrohung unserer Gesundheit und unserer Unversehrtheit verarbeitet. Der Schmerz bei Einsamkeit signalisiert, dass etwas wesentliches nicht stimmt und soll dazu motivieren, diese wahrgenommene Gefahr abzuwenden.

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Schmerzmittel gegen Einsamkeit?

Die ungewöhnlichste Schlussfolgerung aus dem Zusammenhang von Einsamkeit und Schmerz ist sicherlich die, dass – wenn das alles so stimmt – Schmerzmittel gegen Einsamkeit helfen müssten. Dies wurde tatsächlich im Rahmen zweier randomisierter placebokontrollierter Doppelblindstudien nachgewiesen.

Schmerzmittel entfalten ihre Wirksamkeit im Gehirn, selbst wenn der Schmerz ganz woanders im Körper lokalisiert ist. Die schmerzlindernde Wirkung resultiert – vereinfacht gesprochen – aus einer Blockierung bestimmter Rezeptoren im Hirn und somit einer Verminderung der Aktivität dieser Bereiche.

ÄVPS mit Schmerzmittel behandeln?

Bedeutet dies nun, dass man eine ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung besser mit Paracetamol anstatt mit Antidepressiva oder Angstlösern behandeln sollte?

Diese Schlussfolgerung wäre in mehrfacher Hinsicht problematisch. So ist der durch Einsamkeit verursachte Schmerz ein Symptom, welches gleichzeitig einen deutlichen Hinweis liefert, dass etwas wichtiges nicht stimmt. So angenehm die Vorstellung sein mag, dieses unangenehme Gefühl loszuwerden oder doch zumindest zu mildern, so wenig hilft dieser Ansatz wirklich weiter. Gerade die erlebte Einsamkeit und der damit verbundene Schmerz sind oft ein wichtiges Motiv für ÄvPS-Betroffene, sich Hilfe zu suchen und etwas an der Ursache des Problems zu verändern.

Abgesehen davon, sind Schmerzmittel in der Realität nicht so unbedenklich, wie wir es in der Öffentlichkeit und im Alltag wahrnehmen. Hohe Dosen (Überdosis) können unmittelbar zum Tod führen, während längerfristiger Gebrauch selbst im Rahmen der empfohlenen Dosierung zu Abhängigkeit und schweren Organschäden führt.

Von einer Selbstmedikation mit Schmerzmittel gegen Einsamkeit ist also dringend abzuraten!

Ich persönlich habe frei erhältliche Schmerzmittel jedoch bereits mehrfach erfolgreich als Krisenmedikament angewendet. Nach einer Trennung zwei Wochen lang täglich 1500 mg Paracetamol in drei Dosen, schien mir ein akzeptables Risiko und es hat definitiv geholfen. Dies ist keine Empfehlung und kein Aufruf dies Nachzumachen, sondern lediglich eine ganz persönliche Erfahrung.

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