die stille behandlung

Die Stille-Behandlung ist keine Auszeit

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Schmollen, die kalte Schulter zeigen, Gespräche verweigern, Ghosten, Anschweigen, sich Entziehen, kühle Gleichgültigkeit… Die Stille-Behandlung kennt viele Umschreibungen. Es ist eine häufige Methode, um Verachtung für eine andere Person auszudrücken und gleichzeitig eine Konfrontation zu vermeiden.

Verbale Misshandlung geht auch ohne Worte

Die Stille-Behandlung ist eine Form verbaler und emotionaler Misshandlung und eine klassische Form der passiv-aggressiven Konfrontation. Das Ziel ist dabei nicht, eine Lösung herbeizuführen oder Verständnis herzustellen. Das Ziel ist vielmehr, Angst, Verpflichtung und Schuld auszulösen.

Die Stille-Behandlung ist eine Technik, die häufig von Menschen angewendet wird, die an Persönlichkeitsstörungen leiden, aber manchmal auch von Personen ohne Persönlichkeitsstörung, wenn sie sich wütend fühlen.

Die Stille-Behandlung kann von wenigen Stunden bis zu Monaten oder sogar Jahren dauern.

Beispiele für eine Stille-Behandlung

  • Ein Mann meldet sich nach einem Streit mehrere Tage nicht mehr bei seiner Freundin. Ihre Nachrichten und Anrufversuche ignoriert er einfach oder antwortet mit flapsigen Sprüchen, um die Konversation gleich wieder zu beenden.
  • Über 24 Stunden lang spricht eine Mutter mit jedem Familienmitglied ausser einem.
  • Ein Ehemann ist bereit, mit seinen Kumpels zu telefonieren, weigert sich jedoch, mit seiner Frau zu sprechen.
  • Ein Mitarbeiter weigert sich mit einer bestimmten Person zu sprechen, behandelt aber alle anderen ganz normal.

Eine „Stille-Behandlung“ verfolgt nicht immer eine böse Absicht

«Manchmal kann ich mich während einem hitzigen Gespräch, nicht mehr konzentrieren. Ich fühle mich dann verwirrt und kann gerade keine Antwort mehr geben. Ich mache das nicht böswillig. Mein verwirrliches Gedankenkarussell fängt sich an zu drehen und ich merke, wie ich innerlich sehr unruhig und zapplig werde. Ich mag keine Konfliktsituationen, und das Reden über, für mich heikle Themen fällt mir nicht leicht. Durch die innere Unruhe komme ich dann an einen Punkt, an dem ich mich nur noch schwer beherrschen kann. Manchmal führt das dazu, dass ich keinen klaren Gedanken mehr fassen, und folglich auch keine Antworten auf vorher gestellte Fragen geben kann. Für mich ist es als wäre ich eingefroren oder würde mich irgendwo neben mir befinden.»

Frank S., 42 Jahre, ohne psych. Erkrankung oder Störung

Konflikt: Auszeit oder Stille-Behandlung?

Wenn man sich in einer hitzigen Diskussion nur noch im Kreis dreht oder merkt, dass die Emotionen überkochen, ist es sinnvoll und gesund das Gespräch oder sogar die gesamte Situation erstmal zu verlassen. Wutentbrannt aus der Wohnung stürzen und die Tür mit Schmackes zuknallen ist zwar auch nicht schön, aber sicher viel besser, als die Beherrschung zu verlieren und Dinge zu sagen, die man später bereut.

Eine konstruktive Auszeit unterscheidet sich von einer Stille-Behandlung ganz wesentlich. Eine Auszeit ist etwas, was man sich nimmt, während eine Stille-Behandlung etwas ist, was man dem anderen antut. Eine Auszeit nimmt man nicht verächtlich, sondern indem man die volle Verantwortung für die eigenen Bedürfnisse übernimmt, anstatt dem anderen die Schuld zu geben. Eine Auszeit ist zeitlich begrenzt und einvernehmlich.

«Ich habe gelernt, dass sich mein Gegenüber dadurch nicht wahrgenommen und in gewissen Situationen sogar vorsätzlich ignoriert fühlt. Um dem sinnvoll entgegen zu wirken, haben wir verschiedene Massnahmen besprochen und uns auf ein «Codewort» geeinigt. Dies soll beiden helfen, den anderen darauf aufmerksam zu machen zu dürfen, dass er eine Stille-Behandlung anwendet, oder gar gewaltvolle Kommunikation einsetzt.
Wenn diese Massnahme nicht greift, haben wir uns darauf geeinigt, dass man sich eine Auszeit nehmen darf. Da wir nicht zusammenwohnen, können wir uns ja jederzeit zurückziehen. Alleine herunterfahren und noch einmal in Ruhe über gesagtes und erlebtes nach zu denken, ist dann die bessere Alternative. Damit wir uns keine Antworten schuldig bleiben, werden diese beim nächsten Treffen behandelt. Es kann auch von Vorteil sein, sich draussen in der Natur zu treffen, damit es zu keiner weiteren Überhitzung kommt.»

Frank S., 42 Jahre, ohne psych. Erkrankung oder Störung

Hier einige Beispiele die den Unterschied weiter verdeutlichen:

Beispiele für eine Auszeit

  • Eine Frau nimmt eine Auszeit, als ihr Mann in einem Streit laut und beleidigend wird. Sie sagt ihm, dass sie eine Pause möchte und daher einige Stunden bei ihrer besten Freundin verbringen wird. Sie sagt ihm auch, dass sie am Abend noch einmal darüber reden können.
  • Ein Vater ist besorgt über einen Wutanfall seiner Frau und die Auswirkungen auf ihre Kinder. Deshalb nimmt er die Kinder mit auf ein Eis und sagt ihr, dass sie zum Abendessen zurück sein werden.
  • Ein junges Mädchen fühlt sich von ihrer übelgelaunten Mutter bedroht und beschliesst, zum Lernen zu einer Freundin zu gehen.
  • Ein junger Mann verspürt nach einem Streit mit seiner Freundin den Drang, etwas Gewalttätiges zu tun, erkennt jedoch die Gefahr und beschliesst, stattdessen ins Fitnessstudio zu gehen.

Was, wenn Stille-Behandlungen immer wieder vorkommen?

Die Stille-Behandlung ist selten ein guter Ansatz zur Problemlösung. Wer einer solchen Behandlung unterzogen wird, tut häufig alles, um den anderen doch noch zum Reden zu bringen. Leider funktioniert das eher selten. Es ist daher besser zu akzeptieren, dass das Gegenüber in ihrer Kommunikation gerade eine schlechte Wahl trifft und dass die Person durchaus das Recht hat, sich aus dem Gespräch und dem Raum zu entfernen.

Die Zielperson wiederum hat das Recht darauf, dass dies möglichst ruhig und höflich geschieht, zum Beispiel in Form einer „ICH“-Erklärung wie „Ich bin gerade sehr verärgert und möchte mich erst etwas beruhigen. Wir können morgen weitersprechen.“

In einer gesunden Beziehung wird der Partner dieser simplen Vereinbarung sicher gern zustimmen. Ist jemand von einer Persönlichkeitsstörung betroffen, ist es gut möglich, dass diese Person der Vereinbarung vielleicht sogar zustimmt, aber sich aufgrund mangelnder Selbstkontrolle nicht an die Abmachung halten kann.

Leider ist es bei manchen Persönlichkeitsstörung tatsächlich auch so, dass es dem Betroffenen so sehr an Empathie mangelt, dass er schlicht kein Fehlverhalten einsieht.

Wo es nicht möglich ist, die Stille-Behandlung in eine Auszeit zu verwandeln, hilft tatsächlich nur noch Trennung oder Akzeptanz.

Aufhören am Eisberg zu kratzen

Trotzdem musst du stundenlanges Schweigen nicht einfach ertragen. Nimm deinerseits eine Auszeit: Sage deinem Partner, dass du dich langweilst und daher deine Zeit jetzt anders verbringst. Mach etwas was dir gut tut oder etwas was dir Spass macht.

Bleibe weg so lange wie du willst. Egal, ob du etwas bewirkst oder nicht, zumindest wirst du nicht gelangweilt sein. Ein Buch lesen oder mit den Kindern ein Eis essen gehen ist allemal weniger langweilig und schmerzlich, als auf eine Antwort zu hoffen und nur mit Schweigen bedacht zu werden.

Wenn du von deinem Angehörigen öfter mal die Stille-Behandlung bekommst, dann weisst du ja auch, dass es nur vorübergehend ist. Mach dir keine Vorwürfe, du hast dich nicht für diese schlechte Kommunikationsstrategie entschieden. Versuche auch nicht, logische Erklärungen für das seltsame Verhalten deines Angehörigen mit Persönlichkeitsstörung zu finden. In dem Moment ist es das Beste, es auf die Störung zu schieben und es gut sein zu lassen.

How to say silent treatment in German

Silent treatment from Wikipedia, the free encyclopedia

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Fiona

Die Stille-Behandlung ist Folter. Ich weiss das, habe selber oft genug meine Interessen damit durchgesetzt, was mir heute sehr leid tut.  🙄 

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Takeshi

Wirklich seltsam, dass die deutsche Sprache für dieses Phänomen keine richtige Bezeichnung kennt. 🤔

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