Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung ÄVPS

Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung ÄVPS

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Eine Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (ÄVPS) ist durch Gefühle von Anspannung und Besorgtheit, Unsicherheit und Minderwertigkeit gekennzeichnet.

Es besteht eine andauernde Sehnsucht nach Zuneigung und akzeptiert werden, eine Überempfindlichkeit gegenüber Zurückweisung und Kritik mit eingeschränkter Beziehungsfähigkeit.

Die betreffende Person neigt zur Überbetonung potentieller Gefahren oder Risiken alltäglicher Situationen bis zur Vermeidung bestimmter Aktivitäten.

ÄVPS ist eine Nähe-Störung: Die Klienten wollen unbedingt Kontakt und Beziehungen, trauen sich aber nicht, Beziehungen aufzunehmen oder die Klienten haben eine Beziehung und haben grosse Angst, diese Beziehung wieder zu verlieren, weil sie denken, sie bekommen auf keinen Fall eine neue.

Man kann annehmen, dass sich eine ÄVPS vor allem in der Pubertät ausbildet und vor allem auf negatives Feedback bzw. negative Erfahrungen mit Peers zurückgeht.

Die Betroffenen sehen, dass sie sich selbst durch ihre Störung (stark) behindern, daher ist ÄVPS die ich-dystonste aller Persönlichkeitsstörungen.

Sie ist auch die am wenigsten manipulative. Die therapeutischen Probleme liegen insbesondere in der Bearbeitung stark resistenter Schemata. Im Prinzip geht es immer um die Frage, ob die Person wesentliche soziale Erwartungen erfüllen kann.

ÄVPS nach Francis und Widiger

Zusätzliche Beobachtungen und Merkmale:

  • Die Angst vor Überschwemmungen und den Verlust der Kontrolle über gewisse Impulse durch Überstimulation. Zum Beispiel die Angst, dass verbotene, sogar abstossende, romantische oder feindselige Impulse kurz vor dem Ausbruch stehen.
  • Eine damit verbundene Angst vor „unangenehmen Körperempfindungen“ wie Zittern.
  • Angst vor dem Scheitern, begleitet von einer paradoxen (masochistischen) Angst vor dem Erfolg.

Francis und Widiger betonen die generell heruntergespielte Rolle von freischwebendem und reaktivem Ärger im Distanzierungsprozess.

ÄVPS-Betroffene haben also nicht nur Angst vor Ablehnung durch andere, sondern auch feindselige Impulse aus dem eigenen Ich.

Quelle: Francis, A., & Widiger, T. A. (1987). A critical review of four DSM-III personality disorders. In G. L. Tischler (Ed.), Diagnosis and classification in psychiatry. chiatry. New York: Cambridge University Press.

Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung nach Kantor

Zusätzliche Beobachtungen und Merkmale:

Selbstkritik aufgrund von Selbstverurteilung durch ein hartes, unnachgiebiges, beschämendes Gewissen. Betroffene schämen sich für ihren legitimen Wünschen nach sozialen Beziehungen, weil sie dies als verachtenswerte Schwäche empfinden.

Ärger auf andere wegen banalsten Dingen, zum Beispiel: „Jedes Mal, wenn er sich nach dem Duschen abtrocknet, benutzt er ein frisches Handtuch. Das treibt meine Stromrechnung in die Höhe!“

Ein masochistischer, nicht bewusster Wunsch, in Liebesbeziehungen verletzt zu werden.

Die Angst, dass Akzeptanz und Nähe dazu führen, dass kein Platz mehr bleibt für die ganzen „Ich“ -Dinge, die Betroffene wirklich tun wollen und geniessen.

Angst vor Nähe, weil Betroffene befürchten, dass sie in der Beziehung „verschluckt werden“, ihre Grenzen verlieren und ihre Identität beeinträchtigt wird, da sie zu stark von anderen abhängig sind und vollkommen der Kontrolle von anderen unterliegen.

Quelle: Martin Kantor. The Essential Guide to Overcoming Avoidant Personality Disorder (Kindle-Positionen 61-67).

Symptome gemäss ICD-10 (F 60.6)

Für die Diagnose müssen mindestens vier der folgenden Eigenschaften oder Verhaltensweisen vorliegen:

  1. andauernde und umfassende Gefühle von Anspannung und Besorgtheit;
  2. Überzeugung, selbst sozial unbeholfen, unattraktiv oder im Vergleich mit anderen minderwertig zu sein;
  3. übertriebene Sorge, in sozialen Situationen kritisiert oder abgelehnt zu werden;
  4. persönliche Kontakte nur, wenn Sicherheit besteht, gemocht zu werden;
  5. eingeschränkter Lebensstil wegen des Bedürfnisses nach körperlicher Sicherheit;
  6. Vermeidung beruflicher oder sozialer Aktivitäten, die intensiven zwischenmenschlichen Kontakt bedingen, aus Furcht vor Kritik, Missbilligung oder Ablehnung.

Überempfindlichkeit gegenüber Ablehnung und Kritik können zusätzliche Merkmale sein.

ACHTUNG! Bitte beachten:

Damit eine Ängstlich-vermeidende Persönlichkeitsstörung (ÄVPS) diagnostiziert werden darf, müssen auch die ALLGEMEINEN KRITERIEN für eine Persönlichkeitsstörung erfüllt sein!

  • Klinisch wichtige, meist länger anhaltende Zustandsbilder und Verhaltensmuster.
  • Ausdruck des charakteristischen, individuellen Lebensstils, des Verhältnisses zur eigenen Person und zu anderen Menschen.
  • Tief verwurzelte, anhaltende Verhaltensmuster, die sich in starren Reaktionen auf unterschiedliche persönliche und soziale Lebenslagen zeigen.
  • Deutliche Abweichungen im Wahrnehmen, Denken, Fühlen und in den Beziehungen zu anderen.
  • Verhaltensmuster meistens stabil und beziehen sich auf vielfältige Bereiche des Verhaltens und der psychologischen Funktionen.
  • Meist persönliches Leiden und gestörte soziale Funktionsfähigkeit.

ÄVPS nach DSM-5, Sektion II, 301.82

Die Einführung ins DSM geht im Wesentlichen auf Theodore Millon zurück. Es handelt sich um ein tiefgreifendes Muster von sozialer Gehemmtheit, Insuffizienzgefühlen und Überempfindlichkeit gegenüber negativer Beurteilung. Der Beginn liegt im frühen Erwachsenenalter, und das Muster zeigt sich in verschiedenen Situationen. Mindestens vier der folgenden Kriterien müssen erfüllt sein:

  1. Vermeidet aus Angst vor Kritik, Missbilligung oder Zurückweisung berufliche Aktivitäten, die engere zwischenmenschliche Kontakte mit sich bringen.
  2. Lässt sich nur widerwillig mit Menschen ein, sofern er/sie nicht sicher ist, dass er/sie gemocht wird.
  3. Zeigt Zurückhaltung in intimen Beziehungen, aus Angst beschämt oder lächerlich gemacht zu werden.
  4. Ist stark davon eingenommen, in sozialen Situationen kritisiert oder abgelehnt zu werden.
  5. Ist aufgrund von Gefühlen der eigenen Unzulänglichkeiten in neuen zwischenmenschlichen Situationen gehemmt.
  6. Hält sich für gesellschaftlich unbeholfen, persönlich unattraktiv und anderen gegenüber unterlegen.
  7. Nimmt außergewöhnlich ungern persönliche Risiken auf sich oder irgendwelche neuen Unternehmungen in Angriff, weil sich dies als beschämend erweisen könnte.

DSM-5 Alternativ-Model

Das Alternativ-Modell des DSM-5 in Sektion III schlägt folgende diagnostische Kriterien vor:

A. Mittelgradige oder stärkere Beeinträchtigung der Funktion der Persönlichkeit, welche sich durch typische Schwierigkeiten in mindestens zwei der folgenden Bereiche manifestiert:

  1. Identität: Geringes Selbstbewusstsein verbunden mit der Selbsteinschätzung, sozial unbeholfen, persönlich unattraktiv oder unterlegen zu sein; ausgeprägte Gefühle von Scham.
  2. Selbststeuerung: Unrealistische Erwartungen an sich selbst, verbunden mit der Abneigung, eigene Ziele zu verfolgen, persönliche Risiken auf sich zu nehmen oder neue Unternehmungen in Angriff zu nehmen, wenn diese zwischenmenschliche Kontakte mit sich bringen.
  3. Empathie: Starke Beschäftigung mit und Empfindlichkeit gegenüber Kritik oder Zurückweisung, verbunden mit der verzerrten Annahme, von anderen negativ gesehen zu werden.
  4. Nähe: Abneigung dagegen, sich mit Menschen einzulassen, sofern man sich nicht sicher ist, gemocht zu werden; eingeschränkter gegenseitiger Austausch in nahen Beziehungen aus Angst, beschämt oder lächerlich gemacht zu werden.

B. Vorliegen von mindestens drei der folgenden problematischen Persönlichkeitsmerkmale, eines davon ist Ängstlichkeit:

  1. Ängstlichkeit: Intensives Gefühl von Nervosität, Anspannung oder Panik, oft als Reaktion auf soziale Situationen; Sorge über negative Auswirkungen vergangener unangenehmer Erlebnisse und über mögliche negative Entwicklungen in der Zukunft; ängstliche Gefühle, Besorgnis oder Bedrohungsgefühl bei Unsicherheit; Angst vor Beschämung.
  2. Sozialer Rückzug: Zurückhaltung in sozialen Situationen; Vermeidung von sozialen Kontakten und Aktivitäten; fehlende Aufnahme von sozialem Kontakt.
  3. Anhedonie: Fehlen von Freude, Engagement oder Energie im Hinblick auf die Dinge des Alltagserlebens; Beeinträchtigung der Fähigkeit, Lust zu empfinden und sich für Dinge zu interessieren.
  4. Vermeidung von Nähe: Vermeidung von engen Beziehungen, Liebesbeziehungen, zwischenmenschlichen Bindungen und intimen sexuellen Beziehungen.

Alternative Bezeichnungen

Abkürzungen:
ÄVPS, SUP, APD
Alternative Bezeichnung:
Selbstunsichere | Selbstunsicher-vermeidende | – Persönlichkeitsstörung
Englische Bezeichnung:
Avoidant Personality Disorder
Historische Bezeichnung: Hypersensible Persönlichkeitsstörung

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